By admin, 2 November, 2018

Wir wohnten noch in unserer Wohnung, wo meine Großeltern mit drei Töchtern genau im Jahr 1900 als Erstmieter eingezogen waren. Wir konnten noch ins Kino gehen, ins Theater gehen, wir durften noch mit der Eisenbahn fahren und die Straßenbahn benutzen, es war alles noch halbwegs normal. Aber es ging doch sehr viel in den jüdischen Familien vor sich. Es gab nur ein Gespräch: auswandern.

By admin, 2 November, 2018

Am frühen Morgen des 28. Oktobers 1938 begann die Polizei in Leipzig, wie auch in vielen anderen Städten des damaligen Deutschen Reiches, alle jüdischen Menschen mit polnischen Pässen oder staatenlose ehemalige Polen zu verhaften. Selbst die Familien, deren Kinder und Enkel schon in Leipzig geboren waren, wurden unter den Augen der Bevölkerung zum Hauptbahnhof gebracht, in Sonderzüge gesetzt und an die deutsch-polnische Grenze gefahren.

By admin, 2 November, 2018

Eines Morgens im Frühherbst 1943 klopfte die Gestapo auch an unsere Tür: „Mitkommen, sofort.“ Keine Vorbereitungszeit wie sonst, kaum Zeit zum Packen. Ein letztes Mal gingen wir über die Nordstraße. Aus dem Haus Packhofstraße 1 kamen noch andere Verhaftete, Rumänen und Ungarn, die ähnliche Papiere hatten wie wir. Man brachte uns in das Haus der jüdischen Gemeinde in der Löhrstraße, in dieses Zimmer, das vorher Günther Pulvermacher als Friseurladen hatte. Hier befand sich jetzt das Büro der Gemeinde, der einzige Raum, der ihr noch geblieben war.

By admin, 2 November, 2018

Wir sind in Leipzig in die große Synagoge gegangen, jeden Freitagabend und natürlich Samstag früh. Da fand ein G'ttesdienst „gran opera“ ["grande opera"] in fünf Akten statt, mit Balletteinlage, wenn Sie so wollen. So was Schönes gibt’s einfach nicht mehr. Da war mein Onkel Ephraim der Rabbiner, ein phänomenaler Redner. Auch mein Onkel in Hamburg, der Joseph, war geradezu ein faustischer Prediger. Die Leute sind in Scharen gekommen, um ihn zu hören, in Leipzig bei Ephraim auch – ungeheuerlich.

By admin, 2 November, 2018

Vor Pessach gingen wir ins jüdische Viertel und in der Humboldtstraße gingen wir in einen Kellerladen zu dem man einigen Stufen hinabstieg. Dort bestellte Mutti "Matzeh“ und koscher Lebensmittel für Pessach. Auch während des Jahres kamen wir manchmal ins jüdische Viertel und meine Augen sahen sich satt an den großen Holzfässern voll Salzheringen, marinierten Oliven und Gurken die sie selbst einlegten; meine Nase verbreiterte sich beim Geruch der Schabbes-Challen und des jüdischen Kümmelbrots. Der Besitzer trug Schläfenlocken und einen langen Bart und trug eine "Kippa" auf dem Kopf.

By admin, 2 November, 2018

Meine Mutter ging nur einmal im Jahr in die Synagoge, das war zu Rosch Haschana, zu Neujahr. Wir, also Vater und die drei Söhne, gingen jede Woche in die Synagoge. Danach war schon der Sabbat-Tisch gedeckt und dann gab es immer eine Mahlzeit. Woran ich mich besonders erinnere, ist anscheinend nach jüdischem Brauch, dass man alleinstehende Menschen immer einladen soll. [...] das fand ich immer ganz besonders schön. […] Und Sabbat-Morgen natürlich ging ich wieder mit Vater. […] diese Synagoge war eine besonders sympathische Synagoge. Die Ez-Chaim-Synagoge in der Otto-Schill-Straße.

By admin, 2 November, 2018

Meine Großmutter erinnerte sich an die unzähligen Male, an denen er (Anm. d. Red.: der Großvater) am Freitagabend, nach dem Gottesdienst, einen amen Mann von der Synagoge mitbrachte und ihn zum festlichen Abendbrot und vielleicht auch zum Übernachten einlud. Unter den Gästen waren viele jüdische Gelehrte, die geschäftlich aus dem Osten Europas nach Leipzig kamen, und Rafael liebte es ein interessantes Gespräch mit ihnen zu führen.

By admin, 2 November, 2018

Glanzvoll in ihrer Isoliertheit, einzigartig in ihrem Charakter, grundverschieden von allen anderen jüdischen Gotteshäusern in Leipzig war die liberale Synagoge, der „Tempel“ (Gottsched- Ecke Zentralstraße). Sie war die erste ständige Synagoge, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Stadt errichtet wurde.

By admin, 2 November, 2018

„Wie Sie anführen, ist der Wagen mit einer Stundengeschwindigkeit von 43,8 km gestoppt worden, wogegen nur 35 km zulässig sind. Ich darf Ihnen wohl nur kurz mitteilen, dass kein Fahrzeug in dieser Gegend mit 35 km Geschwindigkeit die Straße passiert, denn es gibt Momente, wo man ein[en – d.R.] Radfahrer oder irgendein Fuhrwesen überholen muss […]. Ich besitze meinen Führerschein bereits schon seit dem 17.7.1920 und wird obiges wohl kein allzu großes Verbrechen sein, gleich mit so einer Strafe belegt zu werden.