By admin, 2 November, 2018

Ich bin in einer Kleinstadt in Polen geboren. Ich hatte zwei Brüder und zwei Schwestern. [...] Wir waren eine jiddisch sprechende und orthodoxe Familie. Als ich vier Jahre alt war, emigrierten wir nach Leipzig in Deutschland. In Polen hatte mein Vater eine Brauerei und handelte auch mit Holz und wir waren ziemlich wohlhabend. Aber es gab Pogrome und viel Antisemitismus und der Bruder meiner Mutter wohnte in Leipzig und er drängte uns, dorthin zu kommen. Es war keine schöne Zeit für mich, weil ich kein Deutsch konnte.

By admin, 2 November, 2018

Mir fällt ein, dass mein Vater früher ganzjährig in dem winteroffenen Schreberbad eine Morgenrunde schwimmen ging, bevor er zur Bank radelte. Mit dem Schwimmvergnügen war 1936 Schluss, weil es ihm von den Nationalsozialisten verboten war. Ich erinnere mich, dass er dann jeden Morgen in unserer Badewanne daheim kalt badete – dabei schunkelte er immer so, dass das Wasser fast überschwappte! Das fand ich immer lustig.

By admin, 2 November, 2018

Als ich 1936 zur Schule musste, war es eine jüdische Schule. Juden durften keine nicht-jüdische Schule besuchen, da die Nürnberger Gesetze bereits begonnen hatten. Mein Vater holte mich nachmittags von der Schule ab und eines Tages kam er zu spät und ich sah, dass viel Blut in seinem Auto war. Es stellte sich heraus, dass ein jüdischer Junge von einem Auto angefahren worden war und niemand ihn ins Krankenhaus bringen wollte, also brachte ihn mein Vater ins jüdische Krankenhaus.

By admin, 2 November, 2018

Am 28. Oktober 1938 kam ich zum Leipziger Hauptbahnhof. Da waren Leute, die Tabletts mit Essen zu den Zügen trugen. Ich wollte unbedingt wissen, was los war. Auf dem Heimweg besuchte ich einen meiner Onkel. Er erklärte, dass sich die Razzia gegen polnische Juden richtete und dass ich, als deutscher Jude, nichts zu befürchten hätte. Ich ging zurück zum Bahnhof.

By admin, 2 November, 2018

Papa zahlte die Miete für unsere Wohnung in Leipzig bis auf den letzten Groschen und die Inhaberin sagte uns, daß wir jederzeit zurückkommen und bei ihr wohnen könnten. Spät am Abend verließen wir unsere Wohnung. Als das Taxi zu fahren begann, sahen wir mit Tränen in unseren Augen nach hinten. Ich umarmte meine kleine Puppe mit dem Porzellankopf und Stoffkörper, das einzige was ich mitnehmen durfte (außer einigen Büchern) – und versteckte meinen Kopf in Muttis Schoß. Ich wollte nichts sehen. So kamen wir zum Bahnhof.

By admin, 2 November, 2018

Ich wurde also nun samt meiner Familie mit ziemlich drakonischen Maßnahmen, die aber nicht die Grenzen der Höflichkeit überschritt, die uns als 'Ausländern' gebührte, an diesem so schicksalsreichen Morgen von der Gestapo abgeholt und auf die uns nächstliegende Polizeiwache befördert. Man genehmigte uns großzügiger Weise pro Person einen kleinen Koffer mit der Begründung, es sei ja nur für zwei Tage. Wir hatten keinen Grund, dieser Behauptung zu misstrauen und befolgten diesen 'gutgemeinten' Ratschlag.

By admin, 2 November, 2018

Als ich aus Deutschland fortgehen musste, bin ich sozusagen nackt und barfuß herausgetrieben worden, in Nachthemd und Pantoffeln, darüber der Mantel. Es war ein Donnerstag. Von der Nikolaiwache ist man um vier Uhr früh gekommen und hat uns abgeholt: Sofort raus! Aufstehen! Zieht euch an, ihr werdet abgeschoben! Nein, sie sagten nicht abgeschoben, sondern wir müssten zu einer Sammelstelle, in der Schule. Dann hat man uns auf den Bahnhof gebracht, und dort sahen wir viele bekannte und unbekannte Juden aus Leipzig an den Bahnsteigen, die in die Züge hinein gedrängt wurden.

By admin, 2 November, 2018

Ich kann mich gut an die Zeiten damals erinnern, nachdem Hitler die Macht ergriffen hatte: Meine Eltern waren ständig besorgt und beschäftigt. Wenn sie nach einem langen Arbeitstag aus dem Laden nach Hause kamen, waren sie müde und unnahbar. Mein Bruder und ich hörten uns ihre nächtlichen Gespräche an. Wir haben sie nur halb verstanden: Visum, Reisepaß, Emigration, Quote, Palästina, Amerika, Kanada – diese Worte wurden ständig wiederholt. Wir spürten, daß dieses ernste und wichtige Themen waren, aber wir waren zu jung, um sie in ihrer ganzen Bedeutung zu begreifen.

By admin, 2 November, 2018

Es war im Oktober. Meine Schwester Leni und ich waren in der Schule. Auf einmal sahen wir Polizisten in der Sporthalle. Sie ließen die Eltern und Cousinen, die die Kinder abholen wollten, nicht mehr heraus. Sie wurden alle direkt nach Polen geschickt. [...] Als wir zu Hause ankamen, haben wir meiner ungläubigen Mama alles erzählt. Sie hatte schreckliche Angst, weil Papa bei der Zwangsarbeit war. Sie war sich sicher, dass er schon deportiert worden war. Meine Schwester Klara rannte in die eine Richtung, um Papa zu suchen. Meine andere Schwester Rosa rannte in die andere.