By admin, 2 November, 2018

Ich war gerade im Begriff, mich am frühen Morgen in das Sozialamt zu begeben, als mir Herr Rimalower in größter Aufregung mit der Nachricht entgegenstürzte, dass alle Juden polnischer Staatsangehörigkeit im Morgengrauen verhaftet, in der jüdischen Schule in der Humboldtstraße von der Gestapo zusammengetrieben seien und jetzt zum Abtransport nach dem Bahnhof gebracht würden. [... ]

By admin, 2 November, 2018

Meine Familie besaß ein sehr großes Geschäft für Herrenbekleidung im Stadtzentrum von Leipzig. Ich ging gern dorthin, weil es im Erdgeschoss eine große Rutsche gab, auf der die Kinder spielen konnten, während ihre Eltern einkauften. Oben war ein riesengroßer Clownskopf mit offenem Mund, aus dem eine lange Zunge ragte, das war die Rutschbahn. Ich sehe sie noch lebhaft vor mir, wenn ich daran denke. Ich war ein glückliches Kind in einem glücklichen Zuhause, ohne jegliche Sorgen.

By admin, 2 November, 2018

Ich liebte die Grossmutter Adelheid heiss. Kaum war ich bei ihr, musste Tante Rosa „der Joldichen noch ne Bemme jeben“. Wenn ich nicht noch eine zweite wollte, sagte sie verächtlich: „Mach doch keene Fisimatentchen...“. Sie hatte ungefähr 20 Enkel und verwechselte ständig unsere Namen. Nur die Zwillinge „Erika und Inge mit der Büchse Ölsardinge“ [Ölsardinen – die Red.] vergass sie wegen des fürstlichen Geschenks an ihrem 80. Geburtstag nie! Sie wurde sehr alt, war meistens zufrieden und heiter. Wir alle waren sehr traurig, als sie starb. 

By admin, 2 November, 2018

Ich mache jetzt einen Sprung zu meinen ersten Schuljahren. In der ersten bis dritten Klasse ging ich in eine „feine“ von Steybersche Privatschule mit zwei gestrengen Rektorinnen, die damals noch Kaiser Wilhelms Geburtstag bei gezogenen Vorhängen in der Aula mit uns feierten. Wir schmetterten „Lang lebe der Kaiser“, obwohl der schon lange davongejagt worden war und nach Holland fliehen musste. Aber ich war dort glücklich, weil ich meine beste Schulfreundin, die Lore Enderli hatte, und ich nicht viel vom Kaiser oder König verstand.

By admin, 2 November, 2018

Meine frühesten Erinnerungen an meinen Vater, Euren Ur-Grossvater: Er war lustig, hatte viel Zeit für mich und machte vieles, was meine Mutter ärgerte: Zum Beispiel wünschten wir Kinder uns ein Eichhörnchen und eines Tages brachte er eins. Wir hatten am Ende einer recht grossen Wohnung ein Zimmer mit einer Glasveranda – wir nannten es Zoo, weil dort ein grosses Terrarium mit einem Haufen Kriechtieren war und ein grosser Stall für die weissen Mäuse...für mich waren es unzählige. Dazu kam noch ein grosser Hund und ab und zu mal ein paar Vögel.

By admin, 2 November, 2018

In der Reichspogromnacht endete meine Kindheit, denn mein bisheriges Leben war vollkommen zerbrochen. Mit dieser Nacht hörte meine Kindheit auf, denn nie wieder waren wir zusammen als eine Familie. Mein Vater musste weg, mein Bruder ging weg, meine Freundinnen gingen, unser Geschäft wurde aufgelöst und dann gingen auch wir weg. Also ist mein ganzes Leben zusammengefallen wie ein Kartenhaus. Alles, was bis dahin das gewohnte Leben war, wurde auf einmal anders. Man musste sich an so viele neue Umstände gewöhnen.

By admin, 2 November, 2018

Und wenn sie wieder vorüber waren, dann sind wir weiter gerannt und kamen zu meiner Mutter, auf den Brühl 33, da stand sie und wartete auf uns.

In unserem Geschäft hatten wir Puppen mit Pelzmänteln in den Fenstern. Die Puppen lagen alle auf dem Fußboden und die Pelzmäntel waren alle geklaut. Wir hatten schöne Plüschsessel und herrliche dreiteilige Spiegel, dass die Leute sich richtig sehen konnten, wenn sie einen Mantel gekauft haben. Die waren alle zertrümmert.

By admin, 2 November, 2018

Seit meiner Rückkehr aus dem ersten Weltkriege im Jahre 1918 war ich verantwortlicher Leiter einer Filmverleihfirma in Leipzig. In unermüdlicher Arbeit hatte ich geholfen, sie aus kleinen Anfängen heraus zu einem allbekannten Unternehmen emporzuführen. Anfang 1932 erwarben wir für 250 000 Dollar, eine außerordentliche Summe, den Charlie-Chaplin-Film „City Lights“, ein hervorragendes Werk, ein Film allererster Klasse seines Genres, von dem wir und mit uns die gesamte deutsche Filmwelt sich einen ganz besonderen Erfolg versprachen.