Seit meiner Rückkehr aus dem ersten Weltkriege im Jahre 1918 war ich verantwortlicher Leiter einer Filmverleihfirma in Leipzig. In unermüdlicher Arbeit hatte ich geholfen, sie aus kleinen Anfängen heraus zu einem allbekannten Unternehmen emporzuführen. Anfang 1932 erwarben wir für 250 000 Dollar, eine außerordentliche Summe, den Charlie-Chaplin-Film „City Lights“, ein hervorragendes Werk, ein Film allererster Klasse seines Genres, von dem wir und mit uns die gesamte deutsche Filmwelt sich einen ganz besonderen Erfolg versprachen. Er blieb auch nicht aus, sondern hielt allen Erwartungen stand ‒ bis das Unheil begann. Eines Tages machten die Nazis, damals noch weit entfernt von der „Macht", die, wie sie meinten, aufsehenerregende Entdeckung, daß Chaplin Jude ist. Damit glaubten sie dem für antisemitische Gedanken empfänglichen Teil des Volkes beikommen zu können. Für andere, betont national eingestellte Kreise wurde die Behauptung, er sei Kommunist, in den Mittelpunkt der „Aufklärung" gestellt. Daß sie aber im gleichen Atemzuge schrien, er sei vielfacher Dollarmillionär, beweist nur, daß bereits damals ihre frappierende Verdrehungskunst, die sie die widersprechendsten Dinge zusammenwerfen und proklamieren ließ, in schönster Blüte stand. Doch so sehr sich ihre Parteipresse auch mühte und ihre Redner sich heiser schrien, es wollte und wollte ihnen nicht gelingen, den jüdischen Millionär-Kommunisten und seinen Film unmöglich zu machen. Da verfielen sie zum ersten Male auf das Mittel, das ein Jahr später in vielfacher Vergrößerung seine Triumphe feiern sollte: vor den Lichtspieltheatern, in denen der Film lief, erschienen SA-Posten, die das Publikum „aufzuklären" begannen, das heißt, die die Besucher belästigten und am Betreten der Theater zu hindern trachteten. Als auch das nichts half, griff man kurz entschlossen zu „geistigen Waffen" von besonderer Durchschlagkraft: zu Stinkbomben und weißen Mäusen. Mit ähnlichen Mittelchen gleichen Kalibers wurde die entstehende Panik noch vergrößert, und endlich kam das Ziel in Sicht. Die ersten Theaterbesitzer begannen, durch solchen Terror und private Drohungen erschreckt, die Abnahme des Films zu verweigern. (Original)
Since my return from First World War in 1918, I had been the responsible manager of a film distribution company in Leipzig. I had worked tirelessly to help it grow from small beginnings into a well-known company. At the beginning of 1932 we bought for 250 000 dollars, an extraordinary sum, the Charlie Chaplin film "City Lights" , an outstanding work, a film of the very first class of its genre, from which we and with us the whole German film world expected a very special success. And it met all expectations – until the disaster began. One day the Nazis, at that time still far from “power”, made what they considered the sensational discovery that Chaplin was a Jew. In doing so, they believed they were able to get to the part of the people that was receptive to anti-Semitic ideas. For other nationalist circles, the assertion that he was a communist was placed at the centre of their “information”. But the fact that they screamed in the same breath that he was a multiple dollar millionaire only proves that even then their astonishing art of distortion, which made them throw together and proclaim the most contradictory things, was in its most beautiful bloom. But no matter how hard their party press tried and their speakers screamed their voices hoarse, they did not succeed in making the Jewish millionaire-communist and his film impossible. Then, for the first time, they conceived the means which, a year later, would celebrate its triumphs in multiple magnifications: in front of the cinemas in which the film was shown, SA posts appeared who began to “inform” the audience, i.e. who harassed the visitors and tried to prevent them from entering the theatres. When that didn't help either, they decided to use “mental weapons” of particular power: stink bombs and white mice. With similar means of the same caliber, the panic that arose was further increased, and finally the goal came in sight. The first cinema owners, frightened by such terror and private threats, began to refuse to accept the film.