Vom Ende einer glücklichen Kindheit - Stefanie Segerman erzählt

By admin, 2 November, 2018
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Meine Familie besaß ein sehr großes Geschäft für Herrenbekleidung im Stadtzentrum von Leipzig. Ich ging gern dorthin, weil es im Erdgeschoss eine große Rutsche gab, auf der die Kinder spielen konnten, während ihre Eltern einkauften. Oben war ein riesengroßer Clownskopf mit offenem Mund, aus dem eine lange Zunge ragte, das war die Rutschbahn. Ich sehe sie noch lebhaft vor mir, wenn ich daran denke. Ich war ein glückliches Kind in einem glücklichen Zuhause, ohne jegliche Sorgen.

Ich weiß nicht mehr genau, wann wir aus unserem großen Haus in eine Wohnung zogen, aber von dort holte man meinen Vater in der Kristallnacht ab. Ganz deutlich erinnere ich mich an diese Nacht. Um vier Uhr morgens wurde an die Tür gehämmert. (Mein Zimmer lag direkt neben der Eingangstür, deshalb stand ich als erste auf.) Als wir öffneten, drängten vier unrasierte, Furcht einflößende Gestapomänner herein. Mit vorgehaltenem Gewehr zwangen sie meine Mutter, ihnen zu zeigen, wo ihr Schmuck und das Geld aufbewahrt wurden.

Mein Vater hatte vom Ersten Weltkrieg ein gelähmtes Bein. Sie trieben ihn aus dem Bett und forderten ihn auf, sich unverzüglich anzuziehen. Auf dem Nachttisch lagen Englischlehrbücher. Die Eindringlinge spuckten darauf, zerrissen die Bücher und durchwühlten die ganze Wohnung. Meine Mutter steckte meinem Vater ein paar belegte Brote in die Jackentasche und raunte ihm zu, er solle die Treppe hinunterfallen. Wenn er verletzt wäre, würden sie ihn vielleicht nicht mitnehmen.

Er tat es nicht. Mein Vater wollte aufrecht aus dem Haus gehen, in seinem eigenen Tempo. Und so sahen wir ihn in diese lange, schwarz glänzende Limousine steigen.

Body (English)

My family owned a very large menswear store in the centre of Leipzig. I liked going there because there was a big slide on the ground floor where the children could play while their parents were shopping. At the top was a huge clown's head with an open mouth and a long tongue sticking out, that was the slide. I can still see it vividly when I think about it. I was a happy child in a happy home, without any worries.

I don't know exactly when we moved out of our big house into an apartment, but from there my father was picked up on Crystal Night. I remember that night very clearly. At four in the morning the door was thumped on. (My room was right next to the front door, so I got up first.) When we opened, four unshaven, fearsome Gestapo men rushed in. With a gun in front of them, they forced my mother to show them where her jewellery and the money were kept.

My father had a paralysed leg from World War I. They drove him out of bed and asked him to get dressed immediately. There were English textbooks on the nightstand. The invaders spat on it, tore up the books and rummaged through the whole apartment. My mother put some sandwiches in my father's jacket pocket and whispered to him to fall down the stairs. If he was hurt, maybe they wouldn't take him with them. He didn't do it. My father wanted to walk upright out of the house at his own pace. And so we saw him get into this long, shiny black limousine.

Sprecher
Datum und Ort
Juni 2018, Leipzig