Meine Familie besaß ein sehr großes Geschäft für Herrenbekleidung im Stadtzentrum von Leipzig. Ich ging gern dorthin, weil es im Erdgeschoss eine große Rutsche gab, auf der die Kinder spielen konnten, während ihre Eltern einkauften. Oben war ein riesengroßer Clownskopf mit offenem Mund, aus dem eine lange Zunge ragte, das war die Rutschbahn. Ich sehe sie noch lebhaft vor mir, wenn ich daran denke. Ich war ein glückliches Kind in einem glücklichen Zuhause, ohne jegliche Sorgen.
Ich weiß nicht mehr genau, wann wir aus unserem großen Haus in eine Wohnung zogen, aber von dort holte man meinen Vater in der Kristallnacht ab. Ganz deutlich erinnere ich mich an diese Nacht. Um vier Uhr morgens wurde an die Tür gehämmert. (Mein Zimmer lag direkt neben der Eingangstür, deshalb stand ich als erste auf.) Als wir öffneten, drängten vier unrasierte, Furcht einflößende Gestapomänner herein. Mit vorgehaltenem Gewehr zwangen sie meine Mutter, ihnen zu zeigen, wo ihr Schmuck und das Geld aufbewahrt wurden.
Mein Vater hatte vom Ersten Weltkrieg ein gelähmtes Bein. Sie trieben ihn aus dem Bett und forderten ihn auf, sich unverzüglich anzuziehen. Auf dem Nachttisch lagen Englischlehrbücher. Die Eindringlinge spuckten darauf, zerrissen die Bücher und durchwühlten die ganze Wohnung. Meine Mutter steckte meinem Vater ein paar belegte Brote in die Jackentasche und raunte ihm zu, er solle die Treppe hinunterfallen. Wenn er verletzt wäre, würden sie ihn vielleicht nicht mitnehmen.
Er tat es nicht. Mein Vater wollte aufrecht aus dem Haus gehen, in seinem eigenen Tempo. Und so sahen wir ihn in diese lange, schwarz glänzende Limousine steigen.