Und wenn sie wieder vorüber waren, dann sind wir weiter gerannt und kamen zu meiner Mutter, auf den Brühl 33, da stand sie und wartete auf uns.
In unserem Geschäft hatten wir Puppen mit Pelzmänteln in den Fenstern. Die Puppen lagen alle auf dem Fußboden und die Pelzmäntel waren alle geklaut. Wir hatten schöne Plüschsessel und herrliche dreiteilige Spiegel, dass die Leute sich richtig sehen konnten, wenn sie einen Mantel gekauft haben. Die waren alle zertrümmert.
Meine Mutter wollte uns in Sicherheit bringen und schickte uns weg zu meiner Cousine Anna, die gerade geheiratet hatte und mit ihrem Mann Max in einem Vorort von Leipzig wohnte, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, wo das war. Wir sollten mit dem Taxi dorthin fahren und sie würde uns abholen, wenn alles vorbei ist. Die Anna war meine richtige Cousine und ihr Mann war Max Fuchs. Wir konnten sie nicht vorher verständigen, sind aber einfach zu ihr hin. Das war so etwa fünf Uhr, es war noch dunkel. Wir haben aufgeregt gerufen, dass sie uns aufmachen sollen, und ihnen berichtet, was in Leipzig vorging.
Als wir noch beim Erzählen waren, klopfte es an der Tür. Nicht „klopfte", sondern die Tür wäre beinahe eingeschmettert worden. „Geheime Staatspolizei! Aufmachen, aufmachen!" Da fiel dem Max noch schnell ein, dass wir ja keine Papiere bei uns haben, und er sagte zu mir: „Wir werden alle mitgenommen, aber die wissen ja nicht, dass ihr hier seid. Versteckt euch!" Mein Bruder kroch unters Bett und ich versteckte mich im Kleiderschrank. Ich weiß noch, Max hat die Gestapo gefragt, was er denn verbrochen habe.
Die Antwort war: „Juden stellen keine Fragen!" Das werde ich nie vergessen. „Kommen Sie mit und machen Sie die Klappe zu."
Sie haben ihn also mitgenommen und meine Cousine hat geweint. Als es dann Tageslicht wurde, kam meine Mutter und holte uns ab und Anna haben wir natürlich mitgenommen. Von zu Hause haben wir andere Leute angerufen und gehört, dass deutsch-jüdische Männer in dieser Nacht verhaftet und ins KZ gebracht wurden, und wir haben herausbekommen, dass Max in Buchenwald war. (Original)