Auf einmal war alles anders – Thea Gersten erzählt wie ihre Kindheit mit der Reichspogromnacht endete

By admin, 2 November, 2018
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In der Reichspogromnacht endete meine Kindheit, denn mein bisheriges Leben war vollkommen zerbrochen. Mit dieser Nacht hörte meine Kindheit auf, denn nie wieder waren wir zusammen als eine Familie. Mein Vater musste weg, mein Bruder ging weg, meine Freundinnen gingen, unser Geschäft wurde aufgelöst und dann gingen auch wir weg. Also ist mein ganzes Leben zusammengefallen wie ein Kartenhaus. Alles, was bis dahin das gewohnte Leben war, wurde auf einmal anders. Man musste sich an so viele neue Umstände gewöhnen. Und es wurde unserer Familie so wie vielen anderen klar, dass die Hitlerzeit nicht schnell zu Ende gehen würde, sondern wir Deutschland verlassen müssen und im Ausland abwarten.

Mein Vater war an diesem Tag gerade im jüdischen Krankenhaus. Er hatte eine Narbenwunde durch eine Bauchverletzung noch vom Ersten Weltkrieg. Sehr oft war das entzündet und er musste ins Krankenhaus. In dieser Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden wir angerufen von der Wach- und Schließgesellschaft, das war die deutsche Versicherung. Wir hatten Telefon und die Leute von dieser Versicherung haben uns immer angerufen, wenn irgendetwas vorfiel.

Wenn mein Vater auf Geschäftsreise war oder wo immer, durfte ich bei meiner Mutti im Bett schlafen, so auch diese Nacht. Dann ging das Telefon und sie haben meiner Mutter gesagt, dass unser Geschäft demoliert wird und die Fenster zerbrochen sind, dass alles gestohlen wird und dass sie sofort kommen soll, damit alles gesichert werden kann. Meine Mutti hat natürlich gedacht, es sei ein Diebstahl, dass jemand die Fensterscheiben eingeschmissen hat. Das war mitten in der Nacht, ungefähr zwei bis halb drei Uhr. Sie ist also schnell zum Brühl gegangen, das war nicht sehr weit, und da hat sie gesehen, dass unser Geschäft nicht das einzige war, dass alle jüdischen Geschäfte, an denen sie vorbeigekommen ist, das gleiche Schicksal erlitten hatten. Die Wach- und Schließgesellschaft hatte uns angerufen, aber natürlich haben sie nicht gesagt: „Das ist die Reichspogromnacht […].“ (Original)

Body (English)

In the Reichspogromnacht my childhood ended, because my previous life was completely broken. With that night my childhood ended, for never again were we together as one family. My father had to leave, my brother left, my friends left, our business was closed down and then we also left. So my whole life collapsed like a house of cards. Everything that had been my accustomed life until then suddenly changed. You had to get used to so many new circumstances. And it became clear to our family, like to many others, that the Hitler era would not end quickly, but that we would have to leave Germany and wait abroad.

My father was in the Jewish hospital that day. He had a scar wound due to a stomach injury still from the First World War. Very often it was inflamed and he had to go to hospital. That night, from November 9 to November 10, 1938, we got a call by the Wach- und Schließgesellschaft, the German insurance company. We had a telephone and the people from this insurance always called us when anything happened.

When my father was on a business trip or wherever, I was allowed to sleep in my mother's bed, also that night. Then the phone rang and they told my mother that our shop was being demolished and the windows were broken, that everything was being stolen and that she should come immediately so that everything could be secured. Of course my mother thought it was a theft, that someone smashed the windows. That was in the middle of the night, about two to half past three o'clock. So she quickly went to the Brühl, it wasn't very far, and there she saw that our shop wasn't the only one, that all the Jewish shops she passed had suffered the same fate. The Wach- und Schließgesellschaft had called us, but of course they didn't say, “This is the Reichspogromnacht [...].”

Sprecher
Datum und Ort
Juli 2018, Leipzig
Rechtestatus