In der Reichspogromnacht endete meine Kindheit, denn mein bisheriges Leben war vollkommen zerbrochen. Mit dieser Nacht hörte meine Kindheit auf, denn nie wieder waren wir zusammen als eine Familie. Mein Vater musste weg, mein Bruder ging weg, meine Freundinnen gingen, unser Geschäft wurde aufgelöst und dann gingen auch wir weg. Also ist mein ganzes Leben zusammengefallen wie ein Kartenhaus. Alles, was bis dahin das gewohnte Leben war, wurde auf einmal anders. Man musste sich an so viele neue Umstände gewöhnen. Und es wurde unserer Familie so wie vielen anderen klar, dass die Hitlerzeit nicht schnell zu Ende gehen würde, sondern wir Deutschland verlassen müssen und im Ausland abwarten.
Mein Vater war an diesem Tag gerade im jüdischen Krankenhaus. Er hatte eine Narbenwunde durch eine Bauchverletzung noch vom Ersten Weltkrieg. Sehr oft war das entzündet und er musste ins Krankenhaus. In dieser Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden wir angerufen von der Wach- und Schließgesellschaft, das war die deutsche Versicherung. Wir hatten Telefon und die Leute von dieser Versicherung haben uns immer angerufen, wenn irgendetwas vorfiel.
Wenn mein Vater auf Geschäftsreise war oder wo immer, durfte ich bei meiner Mutti im Bett schlafen, so auch diese Nacht. Dann ging das Telefon und sie haben meiner Mutter gesagt, dass unser Geschäft demoliert wird und die Fenster zerbrochen sind, dass alles gestohlen wird und dass sie sofort kommen soll, damit alles gesichert werden kann. Meine Mutti hat natürlich gedacht, es sei ein Diebstahl, dass jemand die Fensterscheiben eingeschmissen hat. Das war mitten in der Nacht, ungefähr zwei bis halb drei Uhr. Sie ist also schnell zum Brühl gegangen, das war nicht sehr weit, und da hat sie gesehen, dass unser Geschäft nicht das einzige war, dass alle jüdischen Geschäfte, an denen sie vorbeigekommen ist, das gleiche Schicksal erlitten hatten. Die Wach- und Schließgesellschaft hatte uns angerufen, aber natürlich haben sie nicht gesagt: „Das ist die Reichspogromnacht […].“ (Original)