Ich war gerade im Begriff, mich am frühen Morgen in das Sozialamt zu begeben, als mir Herr Rimalower in größter Aufregung mit der Nachricht entgegenstürzte, dass alle Juden polnischer Staatsangehörigkeit im Morgengrauen verhaftet, in der jüdischen Schule in der Humboldtstraße von der Gestapo zusammengetrieben seien und jetzt zum Abtransport nach dem Bahnhof gebracht würden. [... ]
Ein Teil der Juden hatte sich in das Gebäude des polnischen Konsulats geflüchtet, das exterritorial und daher der Gestapo unzugänglich war. Es war bald grauenhaft überfüllt. Inzwischen hatte die jüdische Gemeinde einen Arzt auf dem Bahnhof postiert, einen alten Sanitätsrat, der eine größere Anzahl Menschen mit Erfolg für transportunfähig erklärte. Dem Oberst der Schutzpolizei, der den „strategischen“ Teil der Glanzaktion leitete, wurde es offenbar zu viel, denn er fragte mich naiv, ob wir denn alle Menschen aus den Zügen herausholen wollten? Antwort: „Was würden Sie tun, wenn man mit Ihren Volksgenossen so verfahren würde?“ Darauf ließ er uns zufrieden, aber die Transporte gingen unaufhörlich weiter. Die Nacht brach herein und noch immer kamen neue Züge an. Dabei spielten sich unbeschreibliche Szenen ab. Zwei „Damen“, offenbar Parteifunktionärinnen und den „besseren“ Ständen angehörig, gaben ihrer Begeisterung besonderen Ausdruck: sie umfassten sich und tanzten mitten auf dem Bahnsteig, wobei sie antisemitische Schlager sangen.
Mutig und mit allen Anzeichen tiefer Erregung herrschte Frau Nemann den Schupo-Oberst an: „Werfen Sie doch diese Frauenzimmer aus dem Bahnhof heraus.“ Wir zitterten vor den Folgen, aber der Offizier, der sich offenbar noch ein Gefühl für Ehre und Menschlichkeit bewahrt hatte, sah sie nur sprachlos an und kommandierte, zu den Tänzerinnen gewandt, mit einer keinen Widerspruch duldenden Stimme: „Meine Damen, verlassen Sie sofort den Bahnsteig!“