28.10.1938: Martin Alterthum über Chaos und Courage während der „Polenaktion“

By admin, 2 November, 2018
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Ich war gerade im Begriff, mich am frühen Morgen in das Sozialamt zu begeben, als mir Herr Rimalower in größter Aufregung mit der Nachricht entgegenstürzte, dass alle Juden polnischer Staatsangehörigkeit im Morgengrauen verhaftet, in der jüdischen Schule in der Humboldtstraße von der Gestapo zusammengetrieben seien und jetzt zum Abtransport nach dem Bahnhof gebracht würden. [... ]

Ein Teil der Juden hatte sich in das Gebäude des polnischen Konsulats geflüchtet, das exterritorial und daher der Gestapo unzugänglich war. Es war bald grauenhaft überfüllt. Inzwischen hatte die jüdische Gemeinde einen Arzt auf dem Bahnhof postiert, einen alten Sanitätsrat, der eine größere Anzahl Menschen mit Erfolg für transportunfähig erklärte. Dem Oberst der Schutzpolizei, der den „strategischen“ Teil der Glanzaktion leitete, wurde es offenbar zu viel, denn er fragte mich naiv, ob wir denn alle Menschen aus den Zügen herausholen wollten? Antwort: „Was würden Sie tun, wenn man mit Ihren Volksgenossen so verfahren würde?“ Darauf ließ er uns zufrieden, aber die Transporte gingen unaufhörlich weiter. Die Nacht brach herein und noch immer kamen neue Züge an. Dabei spielten sich unbeschreibliche Szenen ab. Zwei „Damen“, offenbar Parteifunktionärinnen und den „besseren“ Ständen angehörig, gaben ihrer Begeisterung besonderen Ausdruck: sie umfassten sich und tanzten mitten auf dem Bahnsteig, wobei sie antisemitische Schlager sangen.

Mutig und mit allen Anzeichen tiefer Erregung herrschte Frau Nemann den Schupo-Oberst an: „Werfen Sie doch diese Frauenzimmer aus dem Bahnhof heraus.“ Wir zitterten vor den Folgen, aber der Offizier, der sich offenbar noch ein Gefühl für Ehre und Menschlichkeit bewahrt hatte, sah sie nur sprachlos an und kommandierte, zu den Tänzerinnen gewandt, mit einer keinen Widerspruch duldenden Stimme: „Meine Damen, verlassen Sie sofort den Bahnsteig!“

Body (English)

I was just about to go to the social welfare office early in the morning when Mr Rimalower rushed to me with the greatest excitement with the news that all Jews of Polish nationality had been arrested at dawn, rounded up by the Gestapo at the Jewish school on Humboldtstrasse and were now being taken to the station for deportation. [... ]

Some of the Jews had fled to the building of the Polish consulate, which was extraterritorial and therefore inaccessible to the Gestapo. It was soon terribly crowded. Meanwhile, the Jewish community had posted a doctor at the station, an old medical councillor, who successfully declared a large number of people to be unfit for transportation.

It was obviously too much for the colonel of the police who led the “strategic” part of the action, because he asked me naively whether we wanted to get everyone off the trains? Answer: “What would you do if your national comrades were treated in this way?”

Then he left us alone, but the transports continued incessantly. The night came and still new trains arrived. Indescribable scenes took place.

Two “ladies”, apparently party functionaries and members of the “better” classes, expressed their enthusiasm in a special way: they embraced each other and danced in the middle of the platform, singing anti-Semitic songs.

Bravely and with all the signs of deep excitement, Mrs Nemann barked at the police colonel: “Why don't you throw these women out of the station?” We trembled in fear of the consequences, but the officer, who had apparently retained a sense of honour and humanity, looked at her speechlessly and commanded, turned to the dancers, with a voice that did not tolerate contradiction: “Ladies, leave the platform immediately!”



Sprecher
Datum und Ort
Mai 2018, Leipzig
Rechtestatus