By admin, 2 November, 2018

Am nächsten Morgen fuhr ich mit meinem Fahrrad zur Schule. Dort sagte jemand: „Die Synagogen brennen.“ Ich fuhr zur Gottschedstraße und stand vor dem brennenden Gotteshaus. Ich fuhr dann durch die Stadt und sah das Kaufhaus Bamberger & Hertz am Augustusplatz brennen. Ich sah die eingeschlagenen Schaufenster der jüdischen Geschäfte in der Innenstadt, die Scherben auf den Straßen und die herausgezerrten Waren. Vor dem Eingang der Carlebachschule war das Gitter heruntergelassen. Doch die SA-Leute hatten die seitliche Toreinfahrt mit einem Beil aufgehackt und in der Turnhalle Brand gelegt.

By admin, 2 November, 2018

Wir waren dieselben Schüler und dieselben „Lausbuben“ oder „bösen Mädchen“ wie in jeder anderen Schule, und wenn wir was verbrochen hatten, wurden wir zum Direktor befohlen. Eigentlich nur einmal, das zweite Mal gab es schon nicht. Und da kamen wir in sein Zimmer und er saß an einem großen Schreibtisch. Er hat uns begrüßt und hat uns angeschaut. Er hat kein Wort gesagt und da sind wir in ein Geweine ausgebrochen. Er hat uns weinen lassen und nach einiger Zeit gesagt: „Ich hoffe, dass so etwas nie wieder passiert. Ihr könnt wieder in die Klasse gehen“ Das war es.

By admin, 2 November, 2018

In die Goetheschule gingen außer mir auch einige andere jüdische Kinder. Die christlichen Kinder waren nie antisemitisch, im Gegenteil, sie waren zu uns ganz normal. Wir hatten keine Probleme. Ich hatte viele Schulfreundinnen, die kamen zu uns nach Hause und wir gingen zu deren Geburtstagen und Familienfeiern. Eines Tages – es war nicht in meiner Klasse – stand ein Mädchen auf und wollte anfangen, ein sehr antisemitisches Gedicht aufzusagen.

By admin, 2 November, 2018

Es ist schon von jeher ein Charakteristikum des Juden, dass er sich in Zeiten der Bedrängnis zusammenschloss und durch die Bildung von Gemeinschaften versuchte sich innerlich zu festigen, um dadurch auch nach aussen die nötige Tatkraft zu besitzen. Unsere Schule stellt ein geradezu ideales Mittel in dieser Hinsicht dar. Es ist eben „die jüdische Schule“, die wir alle brauchen.

By admin, 2 November, 2018

R. Carlebach war immer bereit zur Versöhnung, auch mit denen, die die verleumderischsten und bösartigsten Gerüchte über ihn verbreitet hatten. Er war niemals nachtragend, noch hat er jemals irgendeine Böswilligkeit gezeigt gegenüber denen, die ihn öffentlich verleumdet hatten. Tatsächlich einigte er sich mit konkurrierenden Rabbinern und schloss sich ihnen bei der Bildung eines Bet Din (Beth Din, Rabbinatsgericht – d.R.) an. Einer seiner ursprünglichen Gegner war R. Nechemiah Nobel (Nehemia Tzvi Anton – d.R.), mit dem sich eine enge Freundschaft entwickelte.

By admin, 2 November, 2018

Die Schüler aller Leipziger Schulen trugen speziell entworfene Schirmmützen. Die Mützen aller Schulen waren identisch, bis auf die Farbe. Die Mütze, die die Carlebach-Schule repräsentierte, war schokoladenbraun mit einem silbernen Streifen rundherum. Die Schüler der Carlebach-Schule trugen sie mit Stolz, obwohl sie durch sie leicht als Juden zu erkennen waren. Wir hatten niemals auch nur die geringste Absicht, unser Judentum zu verbergen. Außerdem waren wir besonders stolz auf unsere Schule, die als eine der besten in der Bildung eingeschätzt wurde.

By admin, 2 November, 2018

Trotz des Schocks der Rebellion, der die Luft durchdrang, trotz der Bedrohung durch Unterdrückung und Verfolgung, die im ganzen Land widerhallte, und trotz der offenkundigen Drohungen gegen die jüdische Präsenz im Dritten Reich versicherten manche den verängstigten Juden, dass „das Leben wie gewohnt“ weitergehen sollte. Die geplante Zeugnisfeier sollte in keiner Weise verändert werden. Diese Menschen waren zuversichtlich, dass die Bedrohung der jüdischen Existenz in Deutschland überbewertet und übertrieben war. „So schnell schießen die Preußen nicht“, war ihr Motto.

By admin, 2 November, 2018

Als ich fünfzehn Jahre alt war, hatte ich eine Freundin. Sie hieß Hali Warschauer. (...) Mit dieser Hali bin ich einmal im Frühling 1939 spazieren gegangen durch das Rosental, an einem Wochentag am Abend. Es war noch hell. Wir haben uns nur an der Hand gehalten, da war nichts Gefährliches. Plötzlich kam ein Gestapo-Mann auf einem Fahrrad. Er war in Zivil und hat zu mir gesagt: „Du bist ein Judenjunge. Wie kannst du mit einem 'arischen' Mädchen hier spazieren gehen?“ Da habe ich gesagt: „Das Mädchen ist keine 'Arierin', das ist ein jüdisches Mädchen.“ Sie war blond und hatte blaue Augen.