Leipzig, den 16.6.39
HEUTE will ich mein Tagebuch beginnen. Eigentlich sieht ein Tagebuch ja von außen anders aus, aber das Wichtigste ist ja, was drinnen steht. Ich habe so viel erlebt, daß ich es jemandem erzählen muß. Das kann ich aber nicht, und so will ich alles meinem Tagebuch anvertrauen. Ich tue es auch, weil ich mein jetzt Erlebtes nicht vergessen will. Ich glaube kaum, daß ich das jemals tun werde, aber wer weiß, wie man einmal fühlt und denkt, wenn man mal ganz groß ist. Ich bin 13 Jahre und 7 Monate, nur ungefähr, aber das spielt ja keine Rolle. Ich will anfangen, als ich wieder anfing, zur Schule zu gehen. Es war ungefähr Februar oder Anfang März. Wir wurden mit unserer Parallelklasse, l5 Jungen, zusammengelegt. Einesteils freuten wir uns, einesteils genierten wir uns ein bißchen vor den Jungen. In den ersten paar Tagen schielten wir uns nur gegenseitig von der Seite an, sprachen aber kein Wort miteinander. Dann wurde das Verhältnis schon etwas wärmer. Die Jungens wollten uns unterhalten und veranstalteten eine Schönheitskonkurrenz zwischen den Mädchen. Lolo war unserer Meinung nach die Hübscheste. Aber die Jungens haben ja einen ganz anderen Geschmack. Sie wählten Lorli, die meiner Meinung nach gar nicht hübsch, sondern nur niedlich ist. Im Schiedsgericht waren: Philipp, Sigi und Bübchen. Mir gefiel Philipp von Anfang an immer sehr gut. Ich fand ihn hübsch und sehr verständig. Mit Lorli bin ich befreundet. Auf dem Nachhauseweg sprachen wir dann von Philipp. Lorli gefiel er auch. Nun sprachen wir oft von ihm. Ich hatte auch mit Lorli und Lilli zusammen Berlitz (internationale Sprachschule). – Ein paar Tage später stellte Philipp durch Günther der Lorli einen Antrag. Antrag stellen, ein schrecklich blödes Wort.
Leipzig, den 18.6.39
PHILIPP kam, wir gingen in eine Eisdiele und dann ins Rosenthal. Ich lernte Philipp besser und besser kennen, und er gefiel mir mehr und mehr. Seine Ansichten sind klar und gescheit, und er hat eine passende Antwort für alle möglichen Dinge. Wir sprachen über unsere zukünftigen Berufe. Er möchte Ingenieur auf einem großen Schiff werden. Ich wollte ihm gar nicht sagen, was ich werden möchte, weil es blöd und unmöglich ist: Ich möchte Forscherin werden und im Altertum herumkramen.
Dazu brauchte ich aber eine gute und teure Ausbildung. Und ich glaube kaum, daß ich diese werde genießen können. Außerdem bin ich doch religiös. Und wenn ich einmal so eine Expedition mitmachen würde, würde ich von all diesem absehen müssen. Vielleicht ist dieses für andere eine Lappalie, aber für mich, da ich noch mit niemandem darüber gesprochen habe, ist es ein schwieriges Problem. Aber ich brauche mir doch darüber keine Sorgen machen, denn dieses ist ja nur mein Phantasie-Beruf. Über meinen wirklichen habe ich mir noch keine ernsten Sorgen gemacht. Ich weiß ja noch gar nicht, wo ich überhaupt einmal lande. In dieser Beziehung lasse ich mich vorläufig vom Schicksal leiten.