Trotz des Schocks der Rebellion, der die Luft durchdrang, trotz der Bedrohung durch Unterdrückung und Verfolgung, die im ganzen Land widerhallte, und trotz der offenkundigen Drohungen gegen die jüdische Präsenz im Dritten Reich versicherten manche den verängstigten Juden, dass „das Leben wie gewohnt“ weitergehen sollte. Die geplante Zeugnisfeier sollte in keiner Weise verändert werden. Diese Menschen waren zuversichtlich, dass die Bedrohung der jüdischen Existenz in Deutschland überbewertet und übertrieben war. „So schnell schießen die Preußen nicht“, war ihr Motto.
Der Vorstand der Schule teilte diesen Ausdruck des Optimismus nicht. In den vergangenen Wochen hatten sie die Errichtung neuer Barrieren in den Gymnasien erlebt. Absolventen der 10. Klasse der Schule wurden nicht mehr ohne Weiteres angenommen. Mit einem Gefühl der Unsicherheit und Beunruhigung begannen sie die jährliche Zeugnisfeier vorzubereiten, in angespannter Atmosphäre. Es war eine Zeit, in der die alten Flaggen der Republik von ihren Stangen gerissen und von jubelnden Rudeln menschlicher Jagdhunde zerrissen wurden. Nazi-Flaggen schmückten jetzt die Straßen von Leipzig. Das obszöne und abstoßende Hakenkreuz, das Hass und Feindseligkeit symbolisierte, erlangte die Herrschaft.
Um die Aufmerksamkeit der endlosen Nazi-Marschgruppen, deren Echos durch die Straßen hallten, nicht auf sich zu ziehen, wurde beschlossen, die Feier in einem kleinen Rahmen stattfinden zu lassen. Das kleine Lehrerzimmer wurde statt des geräumigeren Auditoriums genutzt. Somit war die Teilnahme von Lehrern und Eltern äußerst begrenzt. Es herrschte jedoch eine festliche Stimmung vor, da der Raum schön mit vielen Blumen geschmückt war. Ein Quartett bot eine musikalische Auswahl dar, um eine angenehmere und heitere Atmosphäre zu schaffen.
All dies endete abrupt, als ein zitternder R. Carlebach auf das Podium stieg. Als er an der Kanzel stand, brachen plötzlich Worte aus seinem Mund hervor. Mit ausgestreckten Armen flehte er unter Tränen: „Aus den Tiefen der Verzweiflung rufe ich dich, HaSchem." (T'hillim Ch. I30). Der Moment war elektrisierend. Mit von Gefühlen erstickter Stimme drückte er sowohl die Trauer als auch den Schmerz aus, denen sich das deutsche Judentum gegenüber sah, und seine Worte erreichten die klagenden Herzen aller Anwesenden. Kaum ein Auge blieb trocken im Publikum. Jeder erkannte, dass das Leben in Deutschland nie wieder dasselbe sein würde.