Shlomo Wahrman erinnert sich an einen bewegenden Auftritt Ephraim Carlebachs anlässlich einer Zeugnisfeier in angespannter Atmosphäre

By admin, 2 November, 2018
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Trotz des Schocks der Rebellion, der die Luft durchdrang, trotz der Bedrohung durch Unterdrückung und Verfolgung, die im ganzen Land widerhallte, und trotz der offenkundigen Drohungen gegen die jüdische Präsenz im Dritten Reich versicherten manche den verängstigten Juden, dass „das Leben wie gewohnt“ weitergehen sollte. Die geplante Zeugnisfeier sollte in keiner Weise verändert werden. Diese Menschen waren zuversichtlich, dass die Bedrohung der jüdischen Existenz in Deutschland überbewertet und übertrieben war. „So schnell schießen die Preußen nicht“, war ihr Motto.

Der Vorstand der Schule teilte diesen Ausdruck des Optimismus nicht. In den vergangenen Wochen hatten sie die Errichtung neuer Barrieren in den Gymnasien erlebt. Absolventen der 10. Klasse der Schule wurden nicht mehr ohne Weiteres angenommen. Mit einem Gefühl der Unsicherheit und Beunruhigung begannen sie die jährliche Zeugnisfeier vorzubereiten, in angespannter Atmosphäre. Es war eine Zeit, in der die alten Flaggen der Republik von ihren Stangen gerissen und von jubelnden Rudeln menschlicher Jagdhunde zerrissen wurden. Nazi-Flaggen schmückten jetzt die Straßen von Leipzig. Das obszöne und abstoßende Hakenkreuz, das Hass und Feindseligkeit symbolisierte, erlangte die Herrschaft.

Um die Aufmerksamkeit der endlosen Nazi-Marschgruppen, deren Echos durch die Straßen hallten, nicht auf sich zu ziehen, wurde beschlossen, die Feier in einem kleinen Rahmen stattfinden zu lassen. Das kleine Lehrerzimmer wurde statt des geräumigeren Auditoriums genutzt. Somit war die Teilnahme von Lehrern und Eltern äußerst begrenzt. Es herrschte jedoch eine festliche Stimmung vor, da der Raum schön mit vielen Blumen geschmückt war. Ein Quartett bot eine musikalische Auswahl dar, um eine angenehmere und heitere Atmosphäre zu schaffen.

All dies endete abrupt, als ein zitternder R. Carlebach auf das Podium stieg. Als er an der Kanzel stand, brachen plötzlich Worte aus seinem Mund hervor. Mit ausgestreckten Armen flehte er unter Tränen: „Aus den Tiefen der Verzweiflung rufe ich dich, HaSchem." (T'hillim Ch. I30). Der Moment war elektrisierend. Mit von Gefühlen erstickter Stimme drückte er sowohl die Trauer als auch den Schmerz aus, denen sich das deutsche Judentum gegenüber sah, und seine Worte erreichten die klagenden Herzen aller Anwesenden. Kaum ein Auge blieb trocken im Publikum. Jeder erkannte, dass das Leben in Deutschland nie wieder dasselbe sein würde.

Body (English)

Despite the shock of rebellion that permeated the air, despite the threat of oppression and persecution that reverberated throughout the land, and despite the overt threats to the Jewish presence in the Third Reich, some individuals assured frightened Jews that “life as usual” should continue. The scheduled certificate ceremony should not be altered in any way. These individuals were confident that the threat to Jewish existence in Germany was overstated and exaggerated. “So schnell schiessen die Preussen nicht" (the Prussians don’t shoot so quickly) was their motto.

The Vorstand of the Schule did not share this expression of optimism. In the past several weeks, they had witnessed new barriers erected in the gymnasiums. Tenth yade graduates of the Schule were no longer so readily accepted. With a feeling of uncertainty and alarm, they began preparing for the annual certificate ceremony amidst an atmosphere of tension. It was a time when the old flags of the Republic were ripped from their poles and torn apart by jubilant packs of human hounds. Nazi flags now decorated the streets of Leipzig. The obscene and repulsive swastika, which symbolized hatred and hostility, reigned supreme.

In order to avoid attracting the attention of the endless Nazi marching groups, whose echoes reverberated throughout the streets, it was decided to conduct the ceremony with a low profile. The small teachers room rather than the more spacious auditorium was used. Thus, the participation of teachers and parents was extremely limited. However, a festive mood prevailed as the room was beautifully decorated with many flowers. A quartet offered musical selections to create a more pleasant and cheerful atmosphere.

All came to an abrupt halt as a trembling R. Carlebach mounted the platform. As he stood at the pulpit, words suddenly erupted from his mouth. With outstretched arms, he tearfully pleaded, “From the depths of despair, I call upon you, Hashem.” (T'hillim Ch. I30). The moment was electric. In a voice choked with emotion, he expressed both the grief and the pain confronting German Jewry, and his words entered the wailing hearts of all present. Nary a dry eye remained among the audience. Every recognized that life in Germany would never be the same again.

Sprecher
Datum und Ort
Oktober 2017, Leipzig
Rechtestatus