Shlomo Wahrman erzählt von der Notwendigkeit, die richtige Schulmütze sein eigen zu nennen.

By admin, 2 November, 2018
Bearbeitungs-Status
Audiodatei
Body

Die Schüler aller Leipziger Schulen trugen speziell entworfene Schirmmützen. Die Mützen aller Schulen waren identisch, bis auf die Farbe. Die Mütze, die die Carlebach-Schule repräsentierte, war schokoladenbraun mit einem silbernen Streifen rundherum. Die Schüler der Carlebach-Schule trugen sie mit Stolz, obwohl sie durch sie leicht als Juden zu erkennen waren. Wir hatten niemals auch nur die geringste Absicht, unser Judentum zu verbergen. Außerdem waren wir besonders stolz auf unsere Schule, die als eine der besten in der Bildung eingeschätzt wurde. Das Kaufhaus Brühl hatte immer ein großes Angebot an diesen Mützen.

Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie meine Eltern mich vor den Hohen Feiertagen im Herbst 1938 ins Kaufhaus mitnahmen, um eine solche Mütze zu kaufen. Leider waren keine schokoladenfarbenen Mützen erhältlich. Die Mützen hatten eine ähnliche Farbe, vielleicht purpurfarben, aber nicht wirklich braun. Als meine Eltern beschlossen, die verfügbare Mütze trotz meines Widerstands zu kaufen, sträubte ich mich, sie an Jom Tov aufzusetzen. Die Mütze würde mich nicht als Schüler der Carlebach-Schule kenntlich machen, beharrte ich, und es konnte kein Stolz darin liegen, eine solche Mütze zu tragen. Erst nachdem Jom Tov angefangen hatte, als ich feststellte, dass viele meiner Freunde solche Mützen aufgesetzt hatten, gab ich dem Druck meiner Eltern nach.

Warum waren die braunen Mützen nicht mehr erhältlich? Viele meinten, dass es einfach eine Geschäftsentscheidung war. Mit der stetigen Abnahme der jüdischen Bevölkerung durch Auswanderung kamen die Inhaber vielleicht zu dem Schluss, dass die braune Mütze nicht mehr stark genug nachgefragt wurde, und setzten ihren Vertrieb aus. Andere aber hatten das Gefühl (und dieses Gefühl wurde schließlich von freundlichen Nichtjuden bestätigt), dass die deutsche Bevölkerung in Wirklichkeit die Mütze verachtete, die ausschließlich von Juden getragen wurde. Sie hielten es für einen Akt der Arroganz und des Hochmuts. Wie konnten es diese niederen jüdischen Kreaturen wagen, diese Mütze so stolz in Gegenwart der überlegenen Herrenrasse zur Schau zu stellen? Erkannten sie nicht ihre Minderwertigkeit und ihren niederen Status in der deutschen Gesellschaft?

Einmal standen wir jugendlichen Nazis gegenüber, die uns wegen unserer Arroganz, die sich in der Mütze manifestierte, angriffen und verprügelten. Einige schlugen vor, dass wir weiße Mützen mit einem roten Streifen rundherum tragen sollten, um das jüdische Blut zu symbolisieren, das sie vergießen wollten. Dies führte zu unvermeidlichen Auseinandersetzungen, gefolgt von Handgreiflichkeiten. Da wir zahlenmäßig deutlich unterlegen waren, befanden wir uns, wie üblich, auf der Verliererseite des Kampfes. Blutige Nasen und geschwollene Lippen waren das Endergebnis. Es ist bemerkenswert, dass zwei deutsche Polizisten in der Nähe die ganze Szene beobachten konnten und absolut keine Anstrengungen unternahmen, einzugreifen und die Vorgänge zu stoppen. „Soviel zur Gerechtigkeit und Gleichheit in Deutschland“, bemerkte mein Vater traurig, als ich ihm von unserer Begegnung erzählte.

Schließlich sprachen sich sogar bestimmte Juden gegen das Tragen der Mütze aus, weil es den Zorn der deutschen Massen auf sich ziehen könnte. Es war die alte Politik, „zu Hause ein Jude zu sein und auf der Straße ein Deutscher“. Warum müssen Juden in der Öffentlichkeit so auffällig sein und ein so hohes Profil präsentieren? Auf diesem Weg, so warnten sie, würden die Flammen des Antisemitismus in der Stadt entzündet werden.

Body (English)

Leipzig‘s students of all schools wore specially designed shielded caps. The caps of all schools were identical in all but color. The cap representing the Carlebach Schule was chocolate brown, encircled by a silver band. Students of the Carlebach Schule wore it with pride, although it easily identified them as Jews. We never harbored even the slightest intention of concealing our Jewishness. Besides, we were especially proud of our school, which rated among the best in education. Kaufhaus Brühl always carried a large supply of these caps.

I can still recall, quite vividly, when my parents took me to the Kaufhaus to purchase such a cap, before the arrival of the Yomim Towim in the fall of 1938. Unfortunately, no chocolate colored caps were available. The caps were of a similar color, perhaps purplish, but not really brown. When my parents decided to purchase the available cap despite my opposition, l was reluctant to don it on Yomim Tovim. The cap would not identify me as a student of the Carlebach Schule, I insisted, and there could be no pride in wearing such a cap. Only after Yom Tov started, when I discovered that many of my friends had donned such caps, did I succumb to the pressure of my parents.

Why were the brown caps no longer available? Many felt that it was simply a business decision. With the steady decrease of the Jewish population due to emigration, perhaps the proprietors concluded that the brown cap was no longer an item of popular demand, and thus suspended its distribution.

Others, however, felt (and this feeling was eventually substantiated by friendly gentiles) that the German population actually despised the cap, which was worn exclusively by Jews.

They considered it an act of arrogance and haughtiness. How dared these lowly Jewish creatures so proudly display this cap in the presence of men of the superior master race? Did they not recognize their inferiority and lowly status in German society?

On one occasion, we were confronted by Nazi youths, who lambasted and thrashed us because of our arrogance, manifested by the cap. Some suggested that we wear white caps circled with a red band to symbolize the Jewish blood they intended to spill. This led to inevitable altercations, followed by fisticuffs. Being greatly outnumbered we were, as usual, on the losing side of the battle.

Bloody noses and swollen lips were the end result. It is noteworthy that two German police officers nearby were able to observe the entire scene, and made absolutely no effort to intervene and halt the proceedings. “So much for justice and equality in Germany,” my father sadly remarked when l informed him of our encounter.

Eventually, even certain Jewish elements opposed the wearing of the cap because it might serve to incur the wrath of the German masses. It was the old policy of “be a Jew at home and a German on the street." Why must Jews be so conspicuous in public and present such a high profile? This is the path, they warned, that would ignite the flames of anti-Semitism within the city.

Sprecher
Datum und Ort
Oktober 2017, Leipzig
Rechtestatus