Leipzig, den 10. Februar 1945
Mein lieber Horstlmann!
Es ist ein so trauriger Anlaß, daß ich Dir schreiben muß. Bitte schreib' mir einstweilen überhaupt nicht, denn ich weiß noch gar nicht, wann ich wieder ins Geschäft gehe. Du siehst gewiß schon an meiner Schrift, daß ich vollkommen durcheinander bin. – Ich muß Anfang nächster Woche meine liebe gute Mutti hergeben. Vielleicht hast Du schon irgend was gehört. Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht, abgesehen davon, daß ich den ganzen Haushalt übernehmen muß. Ich sehe schon, es wird gar nicht lange dauern, dass steh' ich ganz allein da. – Es kam alles so plötzlich, und es ist zu furchtbar. – Zu allem bin ich so gräßlich erkältet! Sobald es möglich ist, schreibe ich ausführlicher. Ich laß' wieder von mir hören!
Herzliche Grüße!
Deine Traudl
Viele Grüße an Deine liebe Muttel!
Leipzig, den 12. Februar 1945
Mein allerliebster Horstl!
Wenn Du diese Zeilen erhältst, ist all das Furchtbare längst vorbei und man kann uns kein Leid mehr zufügen. Meine Mutter müßte morgen fort nach Theresienstadt. Wahrscheinlich würden wir sie nicht mehr wiedersehen. Es wird nicht lange dauern, und man wird auch Vati und mich noch holen. Was er wartet uns noch im Leben? Die Lebensarbeit meiner Eltern ist vernichtet. Es wurde einfach zu viel. – Ich weiß, daß es kein Leben mehr sein würde. Wohl bin ich jung, und das Leben fängt für mich erst an. Du siehst ja aus meinen Briefen an Dich, wie ich mir alles so schön gedacht hatte, aber die Erfüllung liegt noch so weit, und außerdem möchte ich auf keinen Fall, daß Du das alles durchmachen mußt, was z.B. mein Vater mit seiner Frau erleben müßte. Du mußt frei sein, schon Deines Berufes wegen. Ich weiß, daß es für Dich schwere Stunden sein werden. Bitte zweifle nicht an meiner Liebe. Ich konnte meine Eltern nicht so verzweifeln sehen, die doch nur noch für mich lebten. – Mein lieber, lieber Horst! – Bitte nimm's nicht allzu schwer! Du wirst noch eine liebe Lebenskameradin finden. Du hast ja noch Zeit. Bitte sei nicht böse auf mich, daß ich mein Versprechen brach, aber ich bin überzeugt, daß Du in meiner Lage nicht anders gehandelt hättest. – Noch vor 2 Tagen hätte ich jeden für verrückt gehalten, der mir vom Sterben gesprochen hätte. Aber es ist nicht schwer daran zu denken. – Es gibt nur einen Menschen, von dem mir so schwer wird Abschied zu nehmen, aber das weißt Du ja und kannst es Dir denken. – Wie schön, daß wir noch 14 Tage recht glücklich waren!
Sei nicht verzweifeln, mein Lieber, die Hauptsache ist, daß du vorwärts kommst und daß Du Dein Glück machst. Im besseren Jenseits sehen wir uns wieder. Du darfst nur den Glauben nicht verlieren. –
Es ist alles so tragisch. Hoffentlich erhältst Du alle die einzelnen Briefe von mir. Ich hätte Dir so gerne mehr zukommen lassen, aber unser Entschluß kam so plötzlich, und es ist eben zu spät.
Lebe wohl, mein allerliebster Horstlmann, behalt mich in lieber Erinnerung und hab' Dank für all die schönen Stunden und für all Deine Liebe! Vielleicht wäre die Erfüllung unserer Wünsche zu viel Glück gewesen.
Bis zum letzten Atemzug bin ich in Gedanken bei Dir und immer Deine Traudl
Mutti lässt auch für alles danken!