By admin, 2 November, 2018

6. August 1935. Ich sitze gerade an meinem Schreibtisch im Brühl 65 und warte darauf, dass Herr Finkelstein kommt. Gegen 11 Uhr höre ich meine Sekretärin mit einem Besucher sprechen, der Herrn Cerf sehen möchte. Ich stehe auf und da ist dieser eher kleine Mann, der mir höflich seine Dienstmarke zeigt: „Gestapo!“

„Sie werden mit mir zum Hauptquartier gehen, versuchen Sie nicht zu fliehen, wir werden von unseren Waffen Gebrauch machen.“ Während er das sagte, kamen zwei Zwei-Meter-Männer herein und bedeuteten mir, ihnen zu folgen.

By admin, 2 November, 2018

Wir hatten für wenig Geld gutes Theater – das Schauspielhaus und das 'Alte Theater', ein wunderschönes, wirklich altes Haus, an dem viele unserer Freunde spielten beziehungsweise an der Schauspielschule waren – auch einer meiner besten Freunde, Rolf Ehrler, bei dem mein Bruder Hans um die Unschuld seiner Schwester bangte, umsonst, denn er war homosexuell, aber er war so schön! – Eine gute Zeit hatte ich im Haus von unserem Oberbürgermeister Karl Rothe, die wohnten uns gegenüber und hatten einen Riesengarten voll Obst und Gemüse.

By admin, 2 November, 2018

Ich wurde älter und interessierter, was um mich herum vor sich ging. Ich kam in die Gaudigschule, die erste Mädchenmittelschule, geleitet von dem demokratischen Rektor Köhler, den später die Nazis umgebracht haben. Die gesetzlichen Bestimmungen konnte er trotz allem nicht ändern: Wir sogenannten armen Schülerinnen konnten das Schulgeld nicht zahlen und erhielten ein Stipendium. Wir mussten aber eine ganze Note im Durchschnitt über dem verlangten Zeugnis-Mittel haben. Da wurde mir zum ersten Mal der Unterschied zwischen Arm und Reich bewusst.

By admin, 2 November, 2018

Vielleicht aus der Carlebachschule eine Anekdote, eine wahre Anekdote. In der großen Pause sind alle Schüler, um die frische Luft zu genießen und sich ein bisschen zu bewegen, rund um den Hof gegangen und ohne besonderen Grund gingen wir in der Uhrzeigerrichtung. Ohne besonderen Grund habe ich beschlossen, dass man versuchen müsste, die Richtung umzukehren. Meine Klasse hat das mitgemacht, aber als wir in die falsche Richtung gingen, dann floss dieser Menschenfluss um uns herum und wir konnten die Richtung nicht ändern.

By admin, 2 November, 2018

Herr Löwy hatte ein Kind in der 8. Klasse geschlagen. Daraufhin ist dieser Junge mit sechs Kollegen direkt aufs Polizeiamt gezogen, und dort haben sie (es handelt sich um 7 bis 8-jährige Knirpse) die Bitte vorgebracht, es möchte doch ein Schutzmann in die Schule geschickt werden, damit Herrn Löwy das Handwerk gelegt wird. Manche regen sich über die Chuzpe furchtbar auf, wir hier zu Hause sind aber der Meinung, dass der Mut und der Chen der Kinder eher zu bewundern ist.

By admin, 2 November, 2018

Nach Tisch habe ich gegen alle Traditionen meinen Schlaf fahren lassen müssen und habe mit Hanna, Dati und Joti bis zum Jugendg'ttesdienst einen Spaziergang im Johanna-Park gemacht. [. . . ] Also Joti und ich waren fast den ganzen Tag allein. Da ich morgens eine Erkältung neuerdings im Entstehen begriffen spürte, entschloss ich mich kurzer Hand zu einem Dampfbad und nahm, da ich ihn doch nicht alleine zu Hause lassen konnte, Joti mit. [. . . ] So habe ich über einen Witz ganz besonders lachen müssen.

By admin, 2 November, 2018

Am Nachmittag hatte ich wieder richtiges Rachmonos mit dem Jungen, der sich ganz alleine garnicht hinzutun wusste; ich kam seiner Bitte nach und fuhr nach meiner Sprechstunde also um 5 Uhr mit ihm nach Connewitz heraus. Wir haben da im Garten der Friedrichshallen, einem übrigens ganz großartigen Etablissement, Kaffee getrunken, besser gesagt, ich eine Tasse Kaffee und Joti eine Himbeer-Limonade, an welcher ihn das Röhrchen am meisten imponierte.

By admin, 2 November, 2018

„In der Genesis 14.18 gibt es einen Mann, der heißt Malki Zedek. Er hat den Urahnen Abraham zu einer Cocktailparty eingeladen. Und da steht im Text, was Malki ihm serviert hat: Brot und Wein. Die Bibel ist ja schließlich kein Kochbuch, um uns zu erzählen, daß Brot und Wein sehr schön zusammenpassen. Die Kommentare haben diese Stelle so ausgelegt: Wein ist nur gut, wenn er alt ist. Brot ist nur gut, wenn es frisch ist. Man soll das Alte und das Neue, die antiquity und die modernity zusammen auf einem tray servieren.“ Das hat der Onkel gesagt.

By admin, 2 November, 2018

Ich war Mitglied im Jüdischen Sportverein „Schild“. Wir hatten den Sportplatz in Thekla, aber im Winter trainierten wir in der Turnhalle der Carlebachschule in der Gustav-Adolf-Straße. Mein Lehrer, Daniel Katzmann, der das Training leitete, empfing uns am Abend des 9. November mit finsterer Miene und sagte: „Geht sofort nach Hause. Irgendwas ist hier los. Irgendwas wird hier passieren. Ich weiß nicht was.“ Ich war 13 Jahre alt und wenn ich schon mal frei hatte, ging ich natürlich nicht nach Hause, sondern lieber auf den Markt. An diesem Abend war der Markt überfüllt.

By admin, 2 November, 2018

Wir wohnten in der Fregestraße 22 in einem Mietshaus im ersten Stock links. Mit den Nachbarn auf derselben Etage standen wir immer sehr gut. Damals war es üblich, daß man morgens die Brötchen gebracht bekam. Am Abend wurde an die Klinke der Wohnungstür ein leerer Stoffbeutel gehängt, den der Bäckerjunge dann am nächsten Morgen gegen einen vollen austauschte. Eines Tages war dieser Beutel nicht da. Das heißt er war da, aber leer. Meine Mutter und ich gingen zur Bäckerei Bienert um die Ecke in der Waldstraße und meine Mutter sagte: "Wir haben heute keine Brötchen bekommen".