Wir wohnten in der Fregestraße 22 in einem Mietshaus im ersten Stock links. Mit den Nachbarn auf derselben Etage standen wir immer sehr gut. Damals war es üblich, daß man morgens die Brötchen gebracht bekam. Am Abend wurde an die Klinke der Wohnungstür ein leerer Stoffbeutel gehängt, den der Bäckerjunge dann am nächsten Morgen gegen einen vollen austauschte. Eines Tages war dieser Beutel nicht da. Das heißt er war da, aber leer. Meine Mutter und ich gingen zur Bäckerei Bienert um die Ecke in der Waldstraße und meine Mutter sagte: "Wir haben heute keine Brötchen bekommen". Bäcker Bienert und seine Frau waren sehr aufgeregt. "Wir wollten Ihnen das eigentlich gar nicht sagen, aber Ihre Nachbarin hat heute morgen den Bäckerjungen aufgehalten und hat ihm gesagt: 'Nimm die Brötchen wieder mit, Juden brauchen keine Brötchen'.“
We lived on Fregestraße 22 in an apartment building on the first floor on the left. We always got along very well with our neighbours on the same floor. At that time it was customary that the bread rolls were brought in the morning. In the evening, an empty textile bag was hung at the door handle, which the baker's boy then exchanged for a full one the next morning. One day that bag wasn't there. That means, it was there, but it was empty. My mother and I went to the Bienert bakery around the corner on Waldstrasse and my mother said, "We didn't get any rolls today." Baker Bienert and his wife were very excited. "We didn't really want to tell you that, but your neighbour stopped the baker's boy this morning and told him, "Take the rolls with you again, Jews don't need bread rolls."