Ich war Mitglied im Jüdischen Sportverein „Schild“. Wir hatten den Sportplatz in Thekla, aber im Winter trainierten wir in der Turnhalle der Carlebachschule in der Gustav-Adolf-Straße. Mein Lehrer, Daniel Katzmann, der das Training leitete, empfing uns am Abend des 9. November mit finsterer Miene und sagte: „Geht sofort nach Hause. Irgendwas ist hier los. Irgendwas wird hier passieren. Ich weiß nicht was.“ Ich war 13 Jahre alt und wenn ich schon mal frei hatte, ging ich natürlich nicht nach Hause, sondern lieber auf den Markt. An diesem Abend war der Markt überfüllt. Es waren dort einige Särge mit alten nationalsozialistischen Kämpfern aufgebahrt, die man aus verschiedenen Leipziger Friedhöfen ausgebuddelt hatte. Man ehrte sie mit Ansprachen und vielen Fackeln. Ich hab‘ das alles nur halb begriffen. Für mich war es ein gespenstisches Theaterstück.
Anmerkung d. Red.: Die Überführung von sieben Särgen sogenannter "Blutzeugen" (mit der hier geschilderten Zwischenstation auf dem Marktplatz) fand am 8.11.1938 statt. Die Prozession führte vom Nordfriedhof zu einem eigens angelegten Ehrenhain im Südfriedhof.