Wir hatten für wenig Geld gutes Theater – das Schauspielhaus und das 'Alte Theater', ein wunderschönes, wirklich altes Haus, an dem viele unserer Freunde spielten beziehungsweise an der Schauspielschule waren – auch einer meiner besten Freunde, Rolf Ehrler, bei dem mein Bruder Hans um die Unschuld seiner Schwester bangte, umsonst, denn er war homosexuell, aber er war so schön! – Eine gute Zeit hatte ich im Haus von unserem Oberbürgermeister Karl Rothe, die wohnten uns gegenüber und hatten einen Riesengarten voll Obst und Gemüse. Das alles machte Frau Rothe mit ihren Töchtern und ich durfte helfen. Ich konnte mir auch einen großen Schlüssel holen, mit dem man zur hinteren Pforte in den Zoo kam, der unserem Haus gegenüber war. Dort gab es einen riesigen Platz für die Spaziergänge der Elefanten und Kamele. Da durften wir auch reiten.
Hans Rothe, der älteste Sohn des Bürgermeisters, kam aus England zurück, wo er angefangen hatte, Shakespeare zu übersetzen. Das waren damals die sogenannten modernen Übersetzungen, und sie wurden eine nach der anderen in Leipzig gespielt. Rothe nahm mich mit und ich kam mir sehr gebildet vor. Wenn ihn Kulturgrößen in der Pause begrüßten, bildete ich mir Wunder was ein.
Die Hauptproben im Gewandhaus (zu Mendelssohns Zeit gebaut) waren immer am Donnerstag Vormittag und ich konnte mit einer Tante hingehen. Der einzige Haken war, dass ich Schule schwänzen musste – ab und zu ging ich dann aber wieder am Donnerstag, damit es nicht gar zu sehr auffiel.