Hans Cerf erinnert, wie ein von ihm geschriebenes Buch 1936 unter falschem Autorennamen veröffentlicht wurde, während er im KZ Sachsenburg inhaftiert war.

By admin, 2 November, 2018
Bearbeitungs-Status
Audiodatei
Body

6. August 1935. Ich sitze gerade an meinem Schreibtisch im Brühl 65 und warte darauf, dass Herr Finkelstein kommt. Gegen 11 Uhr höre ich meine Sekretärin mit einem Besucher sprechen, der Herrn Cerf sehen möchte. Ich stehe auf und da ist dieser eher kleine Mann, der mir höflich seine Dienstmarke zeigt: „Gestapo!“

„Sie werden mit mir zum Hauptquartier gehen, versuchen Sie nicht zu fliehen, wir werden von unseren Waffen Gebrauch machen.“ Während er das sagte, kamen zwei Zwei-Meter-Männer herein und bedeuteten mir, ihnen zu folgen.

„Oh ja“, sagte der kleine Typ, „versprechen Sie einem Juden einen Geschäftsabschluss und Sie kriegen ihn.“ Er war es, der vorher unter dem Namen Finkelstein angerufen hatte.

Im Hauptquartier machten sie sich einige Notizen und händigten mir dann einen Haftbefehl aus, der besagte: „Dem Juden Hans Cerf soll beigebracht werden, wie er im nationalsozialistischen Staat zu leben hat, und zu diesem Zweck wird er ins KZ Sachsenburg gebracht.“

(Später im Konzentrationslager):

Dann – mitten am Arbeitstag – kam ein SS-Mann zum Steinbruch und schrie: „Häftling Cerf!“ Ich stand stramm und mir wurde gewinkt, herunterzukommen. „Folgen Sie mir!“ Er zeigte dem führenden Wachmann einige Dokumente und brachte mich zurück ins Lager, dieses Mal zur Turnhalle, wo ein anderer Typ mit einer Aktentasche in Begleitung einiger höherer Lageroffiziere wartete. Mir wurde ein Stift gegeben und eine Linie zum Unterschreiben gezeigt, auf einem Dokument, das ich vor dem Unterschreiben nicht lesen durfte. Ich konnte trotzdem einen Blick darauf werfen und sah, dass meine Angabe erklärte, dass das Kinderbuch über das Automobil unrechtmäßig vom wirklichen Autor, nämlich Herrn Hillemann, gestohlen worden wäre und dass ich hiermit meine Tat gestände und dass ich keinerlei Rechte bezüglich Hillemanns Eigentum hätte. Natürlich unterschrieb ich. Jetzt wusste ich wenigstens, WARUM ich hier war. Nach meiner Entlassung aus dem KZ fand ich mein Buch in allen Schaufenstern der Buchläden wieder: „Das Auto mit allem drum und dran, ein lustig Bilderbuch für jedermann“, Verse Hillemann, Zeichnungen Wegener.“

Body (English)

August 6, 1935. I am sitting at my desk at Brühl 65, waiting for Mr. Finkelstein to come. At about 11 o'clock, I hear my secretary talking to a visitor, who wanted to see Mr. Cerf. I get up and there is this rather small man showing me his credentials in a courtly fashion : "Gestapo!"

"You will go with me to headquarters, don't try to flee, we will make use of our guns," while he said that two six footers entered and motioned to me to get ready to follow them.

"Oh yes," said the small Guy, "promise a Jew a business deal and you catch him." It was he who had called before under the name of Finkelstein.

At headquarters, they took some notes and then they handed me a "Haftbefehl" which read "The Jew Hans Cerf is to be taught, how to live in the National Socialist State and will be transferred for this purpose to the KZ Sachsenburg."

(Later in the concentration camp)

Then-in the middle of a working day-an SS man came to the quarry and shouted "Häftling Cerf!'' I stood at attention and was waved to come down. "Follow me!" He showed our leader guard some documents and took me back into the camp to the Gym this time, where another guy with a briefcase was waiting in the presence of some higher Camp officers. I was handed a pen and shown a line to sign on a document, which I was not permitted to read before signing it. I just got a glance though and saw that my statement declared, that the children's book about the automobile was illegitimately taken from the real author, namely Mr. Hillemann and that I herewith admit to my crime and that I would have no rights whatsoever on Hillemann's property. Naturally I signed. Now at last I knew WHY I was here. After my release from the KZ I found my book in all windows of the bookstores: "Das Auto mit allem drum and dran, ein lustig Bilderbuch für jedermann", Verse Hillemann, Zeichnungen Wegener.

Sprecher
Datum und Ort
Juni 2017, Leipzig
Rechtestatus