Für Joachim Kalter beginnt am 28.10.1938 eine "jüdische Odyssee"

By admin, 2 November, 2018
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Ich wurde also nun samt meiner Familie mit ziemlich drakonischen Maßnahmen, die aber nicht die Grenzen der Höflichkeit überschritt, die uns als 'Ausländern' gebührte, an diesem so schicksalsreichen Morgen von der Gestapo abgeholt und auf die uns nächstliegende Polizeiwache befördert. Man genehmigte uns großzügiger Weise pro Person einen kleinen Koffer mit der Begründung, es sei ja nur für zwei Tage. Wir hatten keinen Grund, dieser Behauptung zu misstrauen und befolgten diesen 'gutgemeinten' Ratschlag.

Von der Polizeiwache, in der sich nun schon Hunderte unserer Leidensgenossen befanden, wurden wir per Auto weiterbefördert zum Hauptbahnhof. Er ist einer der größten Europas. Dort wurden wir sofort in schon für uns bereitstehende Waggons (Typ 1870) verladen, die ihrerseits selbstverständlich verschlossen wurden, damit – Gott behüte – keiner aus dieser so kostbaren Ladung noch entfliehen konnte. Inzwischen kamen Angehörige der Reichsvertretung deutscher Juden, die die Erlaubnis erhalten hatten, uns noch Lebensmittel und sonstige lebenswichtige Gebrauchsutensilien zuzureichen. Eine Stunde später verließen wir die uns so liebgewordene Heimat – einem unbekannten Ziel entgegen. An jeder größeren Station, die wir passierten, wurden wir von den dort ansässigen Juden ebenfalls mit Lebensmitteln versorgt, so dass es uns daran nicht mangelte.

Gegen Mitternacht kamen wir an der polnischen Grenze in Beuthen an. Die Bahnhofshalle war schon überfüllt mit Tausenden unserer Leidensgenossen aus allen Teilen des Reiches.

Body (English)

On this fateful morning, I was picked up by the Gestapo, together with my family, and taken to the police station nearest our home! The measures were draconian, but did not over-step the bounds of civility due to us as foreigners. We were magnanimously allowed one small bag per person, on the grounds that "it is only for two days." We had no reason to mistrust this claim, and followed the "well-meant" advice of the police.

From the police station, where hundreds of our fellow sufferers had already gathered, we were taken by car to the main train station, one of the largest in Europe. There we were immediately loaded into railroad cars (type 1870) which had been held ready for us. Of course, we were locked in, so that — God forbid — none of the valuable cargo should escape. The Reich Representation of German Jews also arrived, having received permission to give us food and other necessities. One hour later we left the home we had come to love, travelling to an unknown destination.

At every large station which we passed, Jewish residents provided us with food, so that at least we did not lack in this respect.

We arrived in Beuthen, on the Polish border, near midnight. The hall of the train station was already overfilled with thousands of our fellow sufferers from all parts of the Reich.

Quelle

Joachim Kalter: Eine jüdische Odyssee. Von Leipzig nach Polen abgeschoben und deutsche Lager überlebt. Ein Bericht., Hartung-Gorre Verlag, Konstanz, 1997, S. 17 f.

Sprecher
Datum und Ort
Juni 2018, Leipzig
Rechtestatus