Ich wurde also nun samt meiner Familie mit ziemlich drakonischen Maßnahmen, die aber nicht die Grenzen der Höflichkeit überschritt, die uns als 'Ausländern' gebührte, an diesem so schicksalsreichen Morgen von der Gestapo abgeholt und auf die uns nächstliegende Polizeiwache befördert. Man genehmigte uns großzügiger Weise pro Person einen kleinen Koffer mit der Begründung, es sei ja nur für zwei Tage. Wir hatten keinen Grund, dieser Behauptung zu misstrauen und befolgten diesen 'gutgemeinten' Ratschlag.
Von der Polizeiwache, in der sich nun schon Hunderte unserer Leidensgenossen befanden, wurden wir per Auto weiterbefördert zum Hauptbahnhof. Er ist einer der größten Europas. Dort wurden wir sofort in schon für uns bereitstehende Waggons (Typ 1870) verladen, die ihrerseits selbstverständlich verschlossen wurden, damit – Gott behüte – keiner aus dieser so kostbaren Ladung noch entfliehen konnte. Inzwischen kamen Angehörige der Reichsvertretung deutscher Juden, die die Erlaubnis erhalten hatten, uns noch Lebensmittel und sonstige lebenswichtige Gebrauchsutensilien zuzureichen. Eine Stunde später verließen wir die uns so liebgewordene Heimat – einem unbekannten Ziel entgegen. An jeder größeren Station, die wir passierten, wurden wir von den dort ansässigen Juden ebenfalls mit Lebensmitteln versorgt, so dass es uns daran nicht mangelte.
Gegen Mitternacht kamen wir an der polnischen Grenze in Beuthen an. Die Bahnhofshalle war schon überfüllt mit Tausenden unserer Leidensgenossen aus allen Teilen des Reiches.