Ich kann mich gut an die Zeiten damals erinnern, nachdem Hitler die Macht ergriffen hatte: Meine Eltern waren ständig besorgt und beschäftigt. Wenn sie nach einem langen Arbeitstag aus dem Laden nach Hause kamen, waren sie müde und unnahbar. Mein Bruder und ich hörten uns ihre nächtlichen Gespräche an. Wir haben sie nur halb verstanden: Visum, Reisepaß, Emigration, Quote, Palästina, Amerika, Kanada – diese Worte wurden ständig wiederholt. Wir spürten, daß dieses ernste und wichtige Themen waren, aber wir waren zu jung, um sie in ihrer ganzen Bedeutung zu begreifen. Jetzt, viele Jahre später, weiß ich, daß meine Eltern dabei waren, unsere Flucht zu planen, und unsere Chancen in diesen Ländern auszurechnen. Damals, vor langer Zeit, waren sie fremde Namen. Sie sagten mir nichts, außer daß sie meine Eltern davon abhielten, mehr Zeit mit mir zu verbringen. […] Freitagabend – der Anfang des Sabbats. Das war immer ein großes Ereignis in meiner Familie. Bei Sonnenuntergang entzündete meine Mutter die Kerzen. Dies war das Signal, daß der Sabbat begonnen hatte. Ab diesem Zeitpunkt herrschte eine festliche Atmosphäre. [...]
Ich erinnere mich an den langen Tisch mit dem weißen Tuch, an das polierte Silber, den süßen, roten Wein in den gefüllten Gläsern. Am intensivsten aber erinnere ich mich an meinen Vater, wie er am Kopfende des Tisches saß. Sein Alltagsblick war verschwunden. Er lächelte, machte Witze, stellte uns Fragen und unterhielt unsere Gäste. Es fiel kein Wort mehr über Visa und Auswanderung. Es war Sabbat und wir feierten G‘ttes Schöpfung. Wir freuten uns unseres Lebens. Wie konnten wir an einem solchen Tag traurig sein? Ich war zwölf Jahre alt, als unser Zuhause zerstört wurde. Meine Mutter und ich haben nie wieder ein Sabbatessen vorbereitet. Mein Vater hat sich nie wieder seines Lebens gefreut. In dieser kalten, dunklen Nacht haben uns die Nazis auf unmißverständliche Art und Weise gezeigt, daß wir ungewollt, daß wir nichts waren, daß wir keine Rechte hatten und daß es niemanden gab, bei dem wir uns beschweren oder an den wir uns wenden konnten. Sie brachen die Türen unserer Häuser und unserer Läden auf. Sie plünderten und zerstörten. Sie brannten unsere Synagogen und Schulen nieder und verschleppten die meisten unserer Männer. […] In jener schicksalshaften Nacht endete meine Kindheit. Denn was bedeutet Kindheit? Ist sie nicht das Gefühl, verwurzelt und sicher, behütet und gebraucht zu sein? Die Welt kennt diese Nacht als 'Kristallnacht'.“