Eines Morgens im Frühherbst 1943 klopfte die Gestapo auch an unsere Tür: „Mitkommen, sofort.“ Keine Vorbereitungszeit wie sonst, kaum Zeit zum Packen. Ein letztes Mal gingen wir über die Nordstraße. Aus dem Haus Packhofstraße 1 kamen noch andere Verhaftete, Rumänen und Ungarn, die ähnliche Papiere hatten wie wir. Man brachte uns in das Haus der jüdischen Gemeinde in der Löhrstraße, in dieses Zimmer, das vorher Günther Pulvermacher als Friseurladen hatte. Hier befand sich jetzt das Büro der Gemeinde, der einzige Raum, der ihr noch geblieben war. Sonst war alles schon geschlossen und aufgelöst. Bis auf einige Mischehen und jüdische Mischlinge, die zu dieser Zeit noch nicht deportiert wurden, gab es keine Juden mehr in Leipzig. Das Zimmer füllte sich mit 25 bis 30 Menschen. Ein Gestapo-Beamter stand hinter dem Schreibtisch. Er trug eine SS-Uniform und war nicht, wie üblich, in Zivil. Meine Mutter erhielt von ihm ein Formular, auf dem stand: „Staatsfeindliches Vermögen zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen“. Sie sollte das unterschreiben. Meine Mutter sagte zu mir: „Muß ich das, kann ich das, soll ich das unterschreiben? Die nehmen uns ja alles weg“. Ich antwortete ihr: „Jetzt ist ja doch schon alles egal“. Kurz darauf kam eine Gestapo-Beamtin und schrie: „Frauen und Kinder raus.“ Meine Mutter wollte sich von mir verabschieden, aber das Gestapo-Weib riß sie an den Haaren und stieß sie die neun Stufen zum Hof hinunter und auch meine Schwester und die anderen Frauen und Kinder. Das war der letzte Anblick, den ich von meiner Mutter und meiner Schwester in meinem Leben hatte. Sie kamen in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Beide sind dort ermordet worden. Auch mein Vater ist ermordet worden. In der Gaskammer von Auschwitz. Unter der Bewachung von zwei Gestapobeamten wurde ich mit drei anderen Männern – sie hießen Hasenfratz, Rappaport und Moses Fisch – nach Weimar gebracht und in das dortige Polizeigefängnis eingeliefert. Am nächsten Morgen ging es mit der „grünen Minna“ in das Konzentrationslager Buchenwald.
One morning in the early fall of 1943, the Gestapo knocked on our door, "Come with us, immediately." No preparation time as usual, hardly any time for packing. One last time we crossed the Nordstraße. Other arrested people, Romanians and Hungarians who had papers similar to ours, came from the house on Packhofstraße 1. We were taken to the house of the Jewish community on Löhrstraße, to this room which had previously been the barbershop of Günther Pulvermacher. Here was the office of the community, the only room left to it. Everything else was already shut down and terminated. With the exception of some mixed marriages and Jewish hybrids, who had not yet been deported at that time, there were no more Jews in Leipzig. The room was filled with 25 to 30 people. A Gestapo official was standing behind the desk. He wore a SS uniform and was not, as usual, in plain clothes. My mother received a form from him which read: "Subversive assets confiscated for the benefit of the German Reich". She was to sign it. My mother said to me, "Do I have to, can I, shall I sign that? They're taking everything away from us." I answered her, "It doesn't matter now." A short time later, a female Gestapo official came in and yelled, "Women and children out." My mother wanted to say goodbye to me, but the Gestapo woman tore her hair and pushed her down the nine steps to the courtyard and my sister and the other women and children, too. That was the last sight I had of my mother and sister in my life. They came to the women's concentration camp in Ravensbrück. Both were murdered there. My father was also murdered. In the gas chamber of Auschwitz. Under the watchful eye of two Gestapo officials, with three other men – they were called Hasenfratz, Rappaport and Moses Fisch – I was taken to Weimar to the local police prison. The next morning we went with the "Grüne Minna" (cf."Black Maria") to the concentration camp Buchenwald.