Meine Großmutter erinnerte sich an die unzähligen Male, an denen er (Anm. d. Red.: der Großvater) am Freitagabend, nach dem Gottesdienst, einen amen Mann von der Synagoge mitbrachte und ihn zum festlichen Abendbrot und vielleicht auch zum Übernachten einlud. Unter den Gästen waren viele jüdische Gelehrte, die geschäftlich aus dem Osten Europas nach Leipzig kamen, und Rafael liebte es ein interessantes Gespräch mit ihnen zu führen.
Einmal hatte er wieder einen solchen Gast, der sonst keine Herberge gefunden hätte, am Freitagabend eingeladen. Vor dem Nachtmahl sangen die Männer fromme Gesänge, während des Essens besprachen sie einen bemerkenswerten Punkt im jüdischen Wissen, nach dem Mahl wurde das Tischgebet gesagt, und auch am Sabbat fand Rafael Freude an der Unterhaltung mit diesem klugen Mann. Als der Ruhetag zu Ende war, verabschiedete sich der Gast sehr höflich von der Hausfrau, vor allem aber dankte er Kantor Frank für den wunderbaren Samstag, den er mit ihm verbringen durfte, doch ließ es sein Gewissen nicht zu, daß er geht, ohne meinen Großeltern die Wahrheit zu sagen: Er sein nämlich gar nicht jüdischen Glaubens, aber sehr bewandert im Judentum.