Vor Pessach gingen wir ins jüdische Viertel und in der Humboldtstraße gingen wir in einen Kellerladen zu dem man einigen Stufen hinabstieg. Dort bestellte Mutti "Matzeh“ und koscher Lebensmittel für Pessach. Auch während des Jahres kamen wir manchmal ins jüdische Viertel und meine Augen sahen sich satt an den großen Holzfässern voll Salzheringen, marinierten Oliven und Gurken die sie selbst einlegten; meine Nase verbreiterte sich beim Geruch der Schabbes-Challen und des jüdischen Kümmelbrots. Der Besitzer trug Schläfenlocken und einen langen Bart und trug eine "Kippa" auf dem Kopf. Dies war für mich etwas vollkommen Neues, ein einmaliger Anblick weil es dort, wo wir wohnten, beinahe keine Juden gab.
Ich erinnere mich, daß an den jüdischen Feiertagen bei uns zu Hause eine festliche Stimmung herrschte und wir gingen sogar in die Synagoge auf der Otto-Schill-Straße. Zu Purim kauften wir im jüdischen Viertel Blechknarren und Mutti backte "Haman-Taschen" die mit Pflaumenmarmelade gefüllt waren. Damals klopften meine Vettern an unsere Türen, bedeckten ihre Augen mit Masken, hauten mit den Knarren und verlangten „Geschenksendungen“, während sie das Volkslied sangen: „Heute ist Purim, morgen ein Arbeitstag: gebt mir einen Groschen und werft mich auf die Straße!"
Am Vorabend des "Seders" "verbrannte" Papa "alles Gesäuerte“ – er ging mit einer Kerze und einer Feder in der Hand durch das ganze Haus, sammelte die Krümel ein, die wir vorher hingelegt hatten und sagte einen Gebet das ich damals nicht verstand. Der Seder fand bei bei uns zu Hause statt und und unter den Gästen waren Onkel Adolf und sein Sohn Marcel, Tante Sally, die älteste Schwester meiner Mutter und mit ihr Onkel Heini mit seinem glänzenden Kahlkopf, seine Tochter Marie-Regina (sie trug wie ich den Namen der Großmutter Regina, die Mutter meiner Mutter) und ihr Sohn Willy. In Onkel Heinis Mund war nur noch ein Zahn übrig geblieben und vor dem Essen zog er sein Gebiss heraus. Ich wunderte mich außerordentlich über die enormen Portionen, die er mit diesem einzigen Zahn kauen konnte.
Der Sedertisch war geschmückt und von den Kerzen der vergoldeten vielarmigen Lampe beleuchtet, die auf dem Tisch stand. Das Glas des Propheten Elias war eine Antiquität aus dunkelrotem Kristall und wurde in der Familie von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Als man die Tür für den Propheten Elias aufschloß, bewegte Papa heimlich unter der Tischdecke die Füße des Tisches. Das Glas rückte ein bißchen und ich war davon überzeugt, daß der Prophet Elias wirklich in unser Heim gekommen wäre und aus seinem Glas getrunken hätte. Papa las die Haggada (jeder der Leser bekam eine Haggada auf Hebräisch und Deutsch mit vielen Bildern) und während der Verlesung erklärte er auf Deutsch den Auszug aus Ägypten.