Ein Prophet auf Hausbesuch – Regina Zimet-Levy über Pessach und den Sederabend

By admin, 2 November, 2018
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Vor Pessach gingen wir ins jüdische Viertel und in der Humboldtstraße gingen wir in einen Kellerladen zu dem man einigen Stufen hinabstieg. Dort bestellte Mutti "Matzeh“ und koscher Lebensmittel für Pessach. Auch während des Jahres kamen wir manchmal ins jüdische Viertel und meine Augen sahen sich satt an den großen Holzfässern voll Salzheringen, marinierten Oliven und Gurken die sie selbst einlegten; meine Nase verbreiterte sich beim Geruch der Schabbes-Challen und des jüdischen Kümmelbrots. Der Besitzer trug Schläfenlocken und einen langen Bart und trug eine "Kippa" auf dem Kopf. Dies war für mich etwas vollkommen Neues, ein einmaliger Anblick weil es dort, wo wir wohnten, beinahe keine Juden gab.

Ich erinnere mich, daß an den jüdischen Feiertagen bei uns zu Hause eine festliche Stimmung herrschte und wir gingen sogar in die Synagoge auf der Otto-Schill-Straße. Zu Purim kauften wir im jüdischen Viertel Blechknarren und Mutti backte "Haman-Taschen" die mit Pflaumenmarmelade gefüllt waren. Damals klopften meine Vettern an unsere Türen, bedeckten ihre Augen mit Masken, hauten mit den Knarren und verlangten „Geschenksendungen“, während sie das Volkslied sangen: „Heute ist Purim, morgen ein Arbeitstag: gebt mir einen Groschen und werft mich auf die Straße!" 

Am Vorabend des "Seders" "verbrannte" Papa "alles Gesäuerte“ – er ging mit einer Kerze und einer Feder in der Hand durch das ganze Haus, sammelte die Krümel ein, die wir vorher hingelegt hatten und sagte einen Gebet das ich damals nicht verstand. Der Seder fand bei bei uns zu Hause statt und und unter den Gästen waren Onkel Adolf und sein Sohn Marcel, Tante Sally, die älteste Schwester meiner Mutter und mit ihr Onkel Heini mit seinem glänzenden Kahlkopf, seine Tochter Marie-Regina (sie trug wie ich den Namen der Großmutter Regina, die Mutter meiner Mutter) und ihr Sohn Willy. In Onkel Heinis Mund war nur noch ein Zahn übrig geblieben und vor dem Essen zog er sein Gebiss heraus. Ich wunderte mich außerordentlich über die enormen Portionen, die er mit diesem einzigen Zahn kauen konnte. 

Der Sedertisch war geschmückt und von den Kerzen der vergoldeten vielarmigen Lampe beleuchtet, die auf dem Tisch stand. Das Glas des Propheten Elias war eine Antiquität aus dunkelrotem Kristall und wurde in der Familie von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Als man die Tür für den Propheten Elias aufschloß, bewegte Papa heimlich unter der Tischdecke die Füße des Tisches. Das Glas rückte ein bißchen und ich war davon überzeugt, daß der Prophet Elias wirklich in unser Heim gekommen wäre und aus seinem Glas getrunken hätte. Papa las die Haggada (jeder der Leser bekam eine Haggada auf Hebräisch und Deutsch mit vielen Bildern) und während der Verlesung erklärte er auf Deutsch den Auszug aus Ägypten.

Body (English)

Before Passover we went to the Jewish quarter and on Humboldtstraße we went into a cellar shop, to which we descended a few steps. There Mother ordered "matzah" and kosher food for Passover. Also during the year we sometimes came to the Jewish quarter and my eyes were filled with the big wooden barrels full of salted herring, marinated olives, and cucumbers they pickled themselves; my nose widened with the smell of the Passover challe and the Jewish caraway bread. The owner wore sidelocks and a long beard and wore a "kippah" on his head. This was something completely new to me, a unique sight, because there were almost no Jews where we lived.

I remember that on the Jewish holidays there was a festive atmosphere at home and we even went to the synagogue on Otto-Schill-Straße. At Purim we bought tin ratchets in the Jewish quarter and Mother baked "hamentashen" filled with plum jam. At that time my cousins would knock on our doors, cover their eyes with masks, hammer their guns and demand "gift sendings" while they sang the folk song: "Today is Purim, tomorrow it's over, give me a penny and throw me out!"

On the eve of the Seder, Father "burned" "everything acidified" – he walked with a candle and a feather in his hand through the whole house, collected the crumbs we had put down before and said a prayer I didn't understand at that time. The Seder took place at our home and among the guests were Uncle Adolf and his son Marcel, Aunt Sally, my mother's oldest sister, and with her Uncle Heini with his shiny bald head, his daughter Marie-Regina (like me, she bore the name of my grandmother Regina, mother of my mother) and her son Willy. There was only one tooth left in Uncle Heini's mouth and he pulled out his false teeth before the meal. I was astonished by the enormous portions he could chew with this single tooth.

The Seder table was decorated and lit by the candles of the gilded multi-armed lamp that stood on the table. The glass of the Prophet Elijah was an antique of dark red crystal and was passed down from generation to generation in the family. When the door for Elijah the prophet was unlocked, Father secretly moved the legs of the table under the tablecloth. The glass moved a little bit and I was convinced that Elijah the prophet had really come to our home and drank from his glass. Father read out the Haggadah (everyone of the readers got a Haggadah in Hebrew and German with many pictures) and during the reading he explained in German the exodus from Egypt.

Sprecher
Datum und Ort
November 2017, Leipzig
Rechtestatus