Ard Feder

By admin, 2 November, 2018
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Meine Mutter ging nur einmal im Jahr in die Synagoge, das war zu Rosch Haschana, zu Neujahr. Wir, also Vater und die drei Söhne, gingen jede Woche in die Synagoge. Danach war schon der Sabbat-Tisch gedeckt und dann gab es immer eine Mahlzeit. Woran ich mich besonders erinnere, ist anscheinend nach jüdischem Brauch, dass man alleinstehende Menschen immer einladen soll. [...] das fand ich immer ganz besonders schön. […] Und Sabbat-Morgen natürlich ging ich wieder mit Vater. […] diese Synagoge war eine besonders sympathische Synagoge. Die Ez-Chaim-Synagoge in der Otto-Schill-Straße. […] Ich bin kein frommer Jude, das wusste ich schon als zwölfjähriger Junge. Aber die Gebete waren so schön und der Gesang! […] da war ein wunderbarer Chor. Ein Knaben- und Männerchor. […] Mein vier Jahre älterer Bruder Jonas sang schon im Chor mit . […] Und als ich dann endlich mit zehn Jahren eine reifere Stimme hatte, konnte ich diesem Chor beitreten. […] Der Dirigent dieses Chores war ein ausgezeichneter Berufsmusiker namens Rambam […] ein kleiner, sehr gut angezogener Mann, der keine Fehler nachgab. […] Das war schon in der Nazi-Zeit. Eines Tages versammelte der Rambam die Knaben um sich und sagte: „Hört mal zu Jungs, ich werde euch jetzt etwas erzählen, was ihr niemandem sagen sollt. Wir haben hier in Leipzig einen wunderbaren Knabenchor, den Thomanerchor in der Thomaskirche“. Ich kannte die Thomaskirche sehr gut, zwei Minuten von meinem Haus entfernt. „Und die singen fast nur Werke von Johann Sebastian Bach. Ich würde euch anraten, dass ihr vereinzelt versucht, da mal hinzugehen und euch das anzuhören. Aber bitte, das darf niemand wissen, dass ich euch das gesagt habe, sonst werde ich rausgeschmissen, sozusagen. Das ist ein bisschen gefährlich.“ Ich erinnere mich genau, ich habe niemandem davon erzählt, nicht einmal meinen Freunden, meinen engsten Freunden. Aber als ich einmal bei einer Motette an einem Freitagnachmittag war und die erste Motette hörte, war ich vollkommen gebannt. Es war das erste Mal, dass ich Bach-Musik hörte. Ich war damals ein Junge von elf oder zwölf Jahren und habe danach immer wieder versucht, wann immer ich nur irgendwie konnte und unauffällig meinen Eltern gegenüber was machen konnte, dass ich in die Thomaskirche ging. Da gab es die kuriosen Zwischenfälle. Die Motetten waren meistens Freitagnachmittag gegen sechs Uhr. Also, ich ging in die Motette, schön angezogen, und mein Vater sagte: „Wo gehst du hin?“ Ich sagte: „Ich treffe mich mit Freunden, ich komme dann in die Synagoge.“ Da habe ich ihm etwas vorgegaukelt. Ich war in der Motette eine Dreiviertelstunde und von dort bin ich direkt in den Freitagsabend-Gottesdienst in die Synagoge. Das war fast ein Ritual schon von mir. Ich glaube überhaupt, ich lebte damals eine Art Doppelleben.

Body (English)

My mother only went to the synagogue once a year, at Rosh Hashana, New Year's Eve. We, Father and the three sons, went to the synagogue every week. Afterwards the Sabbath table was already set and then there was always a meal. What I remember most of all is apparently according to Jewish custom that one should always invite single people. [...] I've always liked that a lot. And Sabbath morning, of course, I went with father again. […] This synagogue was a particularly likeable synagogue. The Etz Chaim Synagogue on Otto-Schill-Straße. […] I'm not a pious Jew, I knew that already when I was twelve years old. But the prayers were so beautiful and the singing! […] There was a wonderful choir. A boys' and men's choir. My brother Jonas, four years older than me, sang in the choir. And when I finally had a more mature voice at the age of ten, I was able to join this choir. […] The conductor of this choir was an excellent professional musician named Rambam [...] a small, very well dressed man who permitted no mistakes. […] That was already in the Nazi period. One day, Rambam gathered the boys around him and said, "Listen, boys, I'm going to tell you something now that you must not tell anyone. We have a wonderful boys' choir here in Leipzig, the St. Thomas’s Choir in St. Thomas’s Church." I knew St. Thomas’s Church very well, two minutes from my house. "And they almost only sing works by Johann Sebastian Bach. I would advise you to try to go there sporadically and listen to this. But please don't let anyone know that I told you this, or I'll be fired, so to speak. That's a bit dangerous." I remember perfectly that I didn't tell anyone, not even my friends, my closest friends. But when I was at a motet on a Friday afternoon once and I heard the first motet, I was completely spellbound. It was the first time I heard Bach music. I was a boy of eleven or twelve years at the time and after that I tried again and again whenever I could and it was inconspicuous for my parents to go to St. Thomas's Church. There were curious incidents. Motets were usually on Friday afternoon around six o' clock. So, I went to the motet, dressed nicely, and my father said, "Where are you going?" I said, "I'll meet with friends, I'll come to the synagogue afterwards." I pretended something. I was at the motet for three quarters of an hour and from there I went directly to the Friday evening service in the synagogue. It was almost a ritual of mine. I actually think I was leading a kind of double life back then.

Sprecher
Datum und Ort
November 2017, Leipzig
Rechtestatus