Glanzvoll in ihrer Isoliertheit, einzigartig in ihrem Charakter, grundverschieden von allen anderen jüdischen Gotteshäusern in Leipzig war die liberale Synagoge, der „Tempel“ (Gottsched- Ecke Zentralstraße). Sie war die erste ständige Synagoge, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Stadt errichtet wurde.
In den fast achtzig Jahren, die zwischen der Errichtung des „Tempels“ und dem Beginn des Untergangs der jüdischen Gemeinschaft Leipzigs lagen, wurden in der Stadt mehrere Synagogen gegründet. Sie vertraten die orthodoxe, oft auch streng-orthodoxe oder chassidische Richtung. Nur wenige der Synagogen wurden als solche gebaut, wie die „Brodyer“ zu Anfang des 20. Jahrhunderts oder die Ez Chaim Synagoge in den zwanziger Jahren des Jahrhunderts. Fast alle anderen wurden in Wohnungen von Mietshäusern, die zu diesem Zwecke um- und ausgebaut wurden, oder in Hinterhäusern untergebracht. Der „Tempel“ und die Ez Chaim Synagoge waren Gemeindegotteshäuser, die eine im Dienst der Gemeindemitglieder liberaler Richtung, die andere für die verschiedenen orthodoxen, die durch den Zuzug aus Rußland und Galizien zur Mehrheit in der Gemeinde anwuchsen.
Eine nennenswerte Gemeinde traf sich nur an Sabbat- und Festtagen in der liberalen Synagoge. Man saß auf festgelegten Plätzen, die Männer trugen Zylinder und über ihren Schultern hingen seidene Gebetmäntel, die wie Schals wirkten. Oberkantor und Komponist Samuel Lampel oder sein Stellvertreter Kantor und Lehrer Max Jaffé trugen die Gebete in ruhigen Weisen vor und wurden dabei von einer Orgel sowie von einem aus Frauen und Männern bestehenden Chor begleitet, dem auch Nichtjuden angehörten.