Wir sind in Leipzig in die große Synagoge gegangen, jeden Freitagabend und natürlich Samstag früh. Da fand ein G'ttesdienst „gran opera“ ["grande opera"] in fünf Akten statt, mit Balletteinlage, wenn Sie so wollen. So was Schönes gibt’s einfach nicht mehr. Da war mein Onkel Ephraim der Rabbiner, ein phänomenaler Redner. Auch mein Onkel in Hamburg, der Joseph, war geradezu ein faustischer Prediger. Die Leute sind in Scharen gekommen, um ihn zu hören, in Leipzig bei Ephraim auch – ungeheuerlich.
Am Freitagabend nach dem G'ttesdienst, manchmal auch vorher, sind wir in die Thomaskirche gegangen, um dort die Thomaner Bach-Motetten singen zu hören.
Wir empfanden dazwischen gar keinen Kontrast. Das liegt daran, daß man gut zusammen lebte. Wenn es dem lieben G'tt gefallen hätte, gäbe es nur eine Religion, eine Sprache nur, ein Land nur. Er wollte gerne, daß verschiedene Religionen, verschiedene Sprachen mit ihm diskutierten.
Wir haben hier in Manchester ein Orchester, das Halle-Orchester, das einmal im Jahr mir zu Ehren ein Sonderkonzert mit einem Programm meiner Wahl gibt. Wenn dieses Orchester eine große Symphonie spielt, sitzen da hundert Musikanten mit verschiedenen Instrumenten, und jeder spielt andere Noten, aber zusammen klingen sie gut. Sie spielen eben nicht auf dem gleichen Instrument dieselbe Note. So hat der liebe G'tt es auch gewollt: verschiedene Ausdrucksformen, Stimmen, Sprachen und Religionen, um ihn zu loben. Die Thomanerkirche und die Synagoge, da ist kein Widerspruch, das ist Harmonisierung. Interlocked.