Die zweite Gemeindesynagoge war die Ez Chaim Synagoge, deren Bau dank der Spende des Pelzhändlers Chaim Eitingon ermöglicht wurde. Sie wurde auch nach der Straße, in welcher sie sich befand, Otto-Schill-Synagoge genannt.
Die Synagoge unterschied sich von ihrer liberalen Vorgängerin im Charakter, Ritual und äußerem Aussehen. Sie war fortschrittlich orthodox; im Ritual traditionell und im äußeren Aussehen utilitär. Die dort Betenden stammten aus anderen Gemeinden Deutschlands, aber auch die Ostjuden kamen hierher, um in einem traditionellen Gotteshaus ihre Gebete zu verrichten.
In der Ez Chaim Synagoge wurde täglich gebetet. An Sabbat- und Festtagen war sie von ständigen und nichtständigen Betern überfüllt. Ein Teil der Betenden trug Zylinder und enge, rechteckige Gebetsmäntel; ein anderer trug gewöhnliche Hüte und breite, viereckige, meist wollene, Gebetsmäntel, die den gesamten Rücken bedeckten. Das Ritual in der Ez Chaim unterlag genauen und rigoros durchgeführten Regeln. Diese enthielten Anweisungen über die Kleidung für die zur Thora Aufgerufenen sowie über die Besteigung und das Verlassen des Almemors, wo die Thora verlesen wurde. Eines der Kennzeichen der Synagoge war die Sorgfalt, mit der sie ihre Kantoren wählte. Es gab einen Oberkantor und mehrere Hilfskantoren, die zuweilen den Oberkantor zu vertreten hatten. Auf einer Tafel am Synagogeneingang wurde jeweils bekanntgemacht, welcher der Kantoren vorbetet oder vorbeten wird. Die Tafel wurde mit Interesse studiert. [...]
Als Oberkantor der Ez Chaim Synagoge fungierte Nahum Wilkomirsky, der eine gewaltige und äußerst angenehme Stimme besaß. Er gehörte zu den großen Kantoren seiner Zeit und war auch außerhalb seines Wohnortes bekannt und berühmt. Wie gesagt, pflegten auch die frommen Juden Leipzigs, die nicht zu den ständigen Betern der Ez Chaim gehörten, zu seinem Vorbeten zu strömen. folgende Anekdote ging um: In manchen Bethäusern der Stadt sagen die einen: „Kantor Wilkomirsky betet besser als unser Vorbeter.“ Worauf die anderen erwidern: „Nicht besser – schöner.“