Am Abend des 28. Oktober 1938 versammelten sich die Mitglieder des jüdischen Tennisclubs „Rot-Weiss“ in dem schönen Clubhaus in Markkleeberg. Es war das jährliche „Fest“ – die Preisverteilung nach den Turnieren im Sommer. Diesmal war die Stimmung nicht freudig. Man hatte erfahren, dass polnische Juden aus Leipzig nach Polen transportiert worden waren. Viele polnische Juden lebten in Leipzig, wo die Pelzindustrie Pelzhändler, Kürschner und andere Sachverständige brauchte. Es wurde auch mitgeteilt, dass vielen die Einreise in Polen abgelehnt worden war und dass hunderte von Menschen – müde, hungrig, durstig und auch nach der langen Reise schmutzig – am Leipziger Hauptbahnhof ankamen. Viele von ihnen waren nicht aus Leipzig, ihr Geld hatte man ihnen abgenommen, sie konnten ihre Kinder nicht finden und sie brauchten Hilfe.
Mein Vater schlug sofort vor, dass alle Anwesenden ihre Autos zur Verfügung stellen sollten und dass man diese Menschen sofort abholen und vorerst in Sicherheit bringen sollte. So stand ich – vierzehn Jahre alt – bald an einem Seiteneingang des Bahnhofs, denn man wollte diese verzweifelten Menschen nicht am Haupteingang „zeigen“. Ich sollte, mit anderen Helfern, Kinder, die ihre Eltern nicht finden konnten – man hatte sie in andere Städte transportiert – trösten und in den großen Turnsaal der Carlebachschule bringen, wo man versuchte ihnen zu helfen. Es war eine traurige Arbeit, aber ein Segen, helfen zu können.
Nach einer Mahlzeit und der Möglichkeit sich zu waschen und zu erfrischen, war es dann möglich diesen Menschen Betten für die Nacht anzubieten und ihnen am nächsten Tag weiter zu helfen. Ich kann mich erinnern, dass in der Nacht einige Erwachsene und einige Kinder bei uns untergebracht wurden. Noch heute höre ich die Worte meines Vaters: „Wenn sie das mit den polnischen Juden machen, was werden sie uns antun?“
Diesen Text schrieb Hannelore Braunsberg (London) im Februar 2018 aus Anlass unseres Workshops "Entrechtet über Nacht", er erreichte uns über Dr. Andrea Lorz.