Höhere Israelitische Schule (Ephraim-Carlebach-Schule)

By admin, 2 November, 2018
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Die Höhere Israelitische Schule in Leipzig (Ephraim-Carlebach-Schule)


In den 1910er Jahren herrschte an Leipziger Schulen ein Ungleichgewicht zwischen Kapazität und Nachfrage. Galt dies zunächst ganz allgemein, wurde durch den vermehrten Zuzug osteuropäischer, meist orthodoxer Juden der Bedarf einer Schule, die auch auf Wochenablauf und Feiertage der jüdischen Schülerschaft Rücksicht nahm, deutlich. Für die Kinder, die eine staatliche Schule besuchten, stellte die religiöse Bildung in der jüdischen Gemeinde am Nachmittag eine hohe Belastung dar und die Schulpflicht am Samstag zwang sie außerdem, auf den wöchentlichen Sabbat zu verzichten.

Wichtiger Träger der religiösen Erziehung jüdischer Kinder war der „Talmud-Thora-Verein“, der bereits 1907 59 Mitglieder und 250 Schüler verzeichnete. Vorsteher der Religionsschule des Vereins war seit 1900 Ephraim Carlebach, der nach dem Studium von Geschichte, Theologie und Pädagogik nach Leipzig gezogen war und 1901 zum Rabbiner ordiniert wurde. Carlebach verfolgte über die nächsten Jahre mit großer Beharrlichkeit die Idee einer Privatschule. Diese sollte sowohl jüdischen als auch nicht-jüdischen Kindern offen stehen und reformpädagogische Ansätze vertreten, wozu – nur ein Beispiel – die Koedukation von Mädchen- und Jungen gehörte.

1912 wurde die erste jüdische Schule Sachsens, die „Höhere Israelitische Schule“, später auch „Ephraim-Carlebach-Schule“, in Leipzig eröffnet, 1913 konnte der Unterricht im Neubau aufgenommen werden, die Gustav-Adolf-Straße 7 wurde zur wichtigen Adresse für das jüdische Leben der Stadt. Schwerpunkte des Lehrplans waren neben der weltlichen Ausbildung auch die religiöse, neoorthodoxe und gesetzestreue Erziehung. Um den Ruhetag einhalten zu können, plädierte Carlebach als Direktor der Schule für eine Änderung des Stundenplans. Die Kombination von Religionsunterricht bzw. jüdischem Lehrplan und allgemeinen Fächern aber stieß bei den deutschen Behören auf Hindernisse, die Schulbehöre versagte Carlebach über Jahre die Anerkennung seiner Einrichtung als Realschule und Höhere Töchterschule. Neben diesen Schwierigkeiten mußte die Schule Zeiten finanzieller Engpässe überstehen und Carlebach sah sich immer wieder mit Kritik aus den Reihen des liberalen jüdischen Bürgertums konfrontiert.

Die Auswirkungen des verstärkten Antisemitismus erreichten ab 1933 auch die Carlebach-Schule. In den Jahren von 1934 bis 1935 mußten monatlich etwa 40 neue Schüler und Schülerinnen aufgenommen werden. 1936 besuchten 1.100 Schüler die „allgemeinbildende Konfessionsschule“ – ein enormer Zustrom, den nur 42 Lehrer bewältigen mußten und der die teilweise Verlagerung des Unterrichts in ein weiteres Schulgebäude bedingte.1

Innerhalb des Kollegiums betrieben die nationalsozialistischen Lehrer indess die Ausgrenzung Ephraim Carlebachs, was 1935 zu dessen Amtsaufgabe führte. Angesichts der Zerstörung seines Lebenswerkes emigrierte der Schulgründer nach Palästina, wo er 1936 verstarb.

Die Leitung der Schule übernahm zunächst Siegfried Weikersheimer und nach dessen Emigration wurde Daniel Katzmann letzter Schulleiter, er wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Die Carlebach-Schule war wie viele andere jüdische Einrichtungen zum Ziel der Angriffe während der Pogromnacht 1938 geworden. 1942 mußte der Unterricht endgültig eingestellt werden, das Gebäude wurde von den Nationalsozialisten als Sammellager zur Vorbereitung der Deportationen genutzt. Seit 1953 beherbergt das Gebäude die „Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig“. (Helena Hüter)


1 Verursacht wurde dieser Zustrom durch den Erlass der Nürnberger Gesetze 1935, die u.a. jüdischen Kindern und Jugendlichen den Besuch „arischer“ Schulen untersagte. / Ein Teil der Schülerschaft wurde zeitweise in einem Schulgebäude in der Alexanderstraße (Katholische Schule) unterrichtet, wo von der Carlebach-Schule zusätzliche Klassenzimmer angemietet worden waren.