Unverhoffte Rettung für ein kleines Mädchen - Regina Zimet-Levy über den Morgen des 10. November 1938

By admin, 2 November, 2018
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Es war ein kalter, finsterer Morgen, der 10. November 1938. Der Lehrer kam im Lauf in die Klasse der Carlebach-Schule, sehr erregt und schrie: "Kinder, geht nach Hause, schnell!" Ich erinnere mich nicht, wie ich aus der Schule herauskam, weil alle einander geschubst und gestoßen haben. Aber als ich auf der Straße war, sah ich Mitglieder der Hitlerjugend in Uniform und Hakenkreuzen mit Keulen und Steinen in die Schule einbrechen. Ich weinte fürchterlich: mein Haus war weit weg und ich war nie alleine nach Hause gegangen! Ich kannte nicht einmal den Weg nach Hause! Ich hatte auch nicht einmal verstanden, was sie von uns wollten, die in die Schule einbrachen! Sie waren eigentlich nur Kinder, ein bißchen älter als ich, aber immerhin Kinder. Und ich bin auch ein Kind! Wodurch sind die von mir verschieden? Warum brechen sie in die Schule ein, warum wollen sie uns angreifen? Was haben wir ihnen angetan? Ich stand alleine. Plötzlich fühlte ich, daß jemand mich an der Hand zieht. Mit schnellen Gang – für mich war das eine Rennerei – gingen wir in irgendeinen Laden. Ich wußte nicht einmal, wer mich hinter sich an der Hand zog und wohin wir gingen; doch verstand ich instinktiv, daß er mir helfen und mich von der Menge entfernen wollte.

Es stellte sich heraus, daß der Laden in den der Mann mich führte eine halbdunkle Schuhmacherei war. Der deutsch-christliche Inhaber – der mich hinein stieß – versuchte mich zu beruhigen. Er fragte mich, wo ich wohne aber ich weinte so sehr, daß ich nicht antworten konnte. Doch er gab nicht auf und fand meine Adresse auf meinen Heften. Mein Schluchzen beruhigte sich erst als ich Papa durch die Tür der Schuhmacherei herein kommen sah.

Sprecher
Datum und Ort
Juni 2018, Leipzig
Rechtestatus