Und plötzlich im Niemandsland – Simon Haber erlebt die sogenannte “Polenaktion”

By admin, 2 November, 2018
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Wir sind eigentlich zweimal aus Leipzig weggegangen. Das erste Mal im Zuge der Vertreibung der polnischen Juden im Oktober 1938. Diese Abschiebung war schon eine sehr dramatische Sache. Wie sind um sechs Uhr früh abgeholt worden und erst zur Carlebach-Schule, dann mit dem Bus zum Bahnhof gebracht worden, dort wurden wir in den Zug eingeladen, eingeschlossen und bis Beuthen gebracht. Da muss es um Mitternacht gewesen sein. In Begleitung von SS und Hunden mussten wir loslaufen. Es war jedoch legal nicht möglich, über die Grenze zu kommen, die Polen wollten uns ohne Pässe nicht hineinlassen. Die SS wusste das und schmuggelte uns ins Niemandsland. Wir standen auf der Wiese, weil die polnischen Soldaten uns zurückhielten. Während wir die Nacht auf dem nackten Gras verbrachten, gingen die Verhandlungen zwischen jüdischen Gemeinden und der polnischen Regierung vor sich, damit wir aufgenommen würden oder frei kamen. Früh, ganz früh sind dann Lastwagen gekommen und haben uns nach Kattowitz gebracht. Wir haben in einem Eisenbahnbüro übernachtet und uns dann Fahrkarten gekauft an verschiedene Ziele, viele hatten ja Verwandte in polnischen Städten. So kamen sie raus.

Ich erinnere mich an einen Zusammenstoß mit einem SS-Mann. Wir mussten unsere Koffer selbst tragen, dabei hatte ein älterer Mann seinen verloren. Der SS-Mann schlug auf mich ein und schrie, dass ich ihn aufheben und mittragen sollte. Eine kleine Sache, jeder hat so etwas mitgemacht. Aber dabei sind wir schon seelisch abgehärtet worden, oder ... Als wir abgeschoben wurden, haben die Leute aus den Fenstern geguckt, gelacht und gelächelt. Ich denke, der Grund war, dass sie dachten: Jetzt haben wir mit den Juden nichts mehr zu tun, sie sind raus, für uns wird es jetzt besser werden. Sie hörten ja, was Hitler sagte: Wenn Europa judenfrei ist … Sie haben vielleicht nicht gewusst, wohin wir gingen, aber sie waren sehr glücklich zu sehen, dass wir verschwanden. (Original)

Body (English)

We actually left Leipzig twice. The first time in the course of the expulsion of the Polish Jews in October 1938. This deportation was already a very dramatic thing. We were taken from our homes at six o'clock in the morning first to the Carlebach School, then by bus to the railway station, where we were loaded into the train, locked up and taken to Beuthen. It must have been midnight. Accompanied by SS and dogs we had to start walking. But it was legally impossible to cross the border, the Poles wouldn't let us in without passports. The SS knew this and smuggled us into no-man's-land. We stood on the meadow because the Polish soldiers held us back. While we spent the night on the naked grass, the negotiations between the Jewish communities and the Polish government were going on so that we could be admitted or released. Early in the morning, lorries arrived and took us to Kattowitz. We spent the night in a railway office and then bought tickets to various destinations, many of us had relatives in Polish cities. So they could leave. I remember a collision with an SS man. We had to carry our suitcases ourselves, but an older man had lost his. The SS man hit me and shouted that I should pick it up and carry it also. A small thing, everyone has gone through something like this. But we were indeed mentally hardened in the process, or were we not... When we were deported, people looked out of the windows, laughed and smiled. I think the reason was that they thought: Now we have nothing more to do with the Jews, they are out, things will get better for us now. Because they heard what Hitler said: When Europe is free of Jews ... They may not have known where we went, but they were very happy to see us disappear.

Sprecher
Datum und Ort
Oktober 2018, Leipzig (Radio Blau)
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