Wir sind eigentlich zweimal aus Leipzig weggegangen. Das erste Mal im Zuge der Vertreibung der polnischen Juden im Oktober 1938. Diese Abschiebung war schon eine sehr dramatische Sache. Wie sind um sechs Uhr früh abgeholt worden und erst zur Carlebach-Schule, dann mit dem Bus zum Bahnhof gebracht worden, dort wurden wir in den Zug eingeladen, eingeschlossen und bis Beuthen gebracht. Da muss es um Mitternacht gewesen sein. In Begleitung von SS und Hunden mussten wir loslaufen. Es war jedoch legal nicht möglich, über die Grenze zu kommen, die Polen wollten uns ohne Pässe nicht hineinlassen. Die SS wusste das und schmuggelte uns ins Niemandsland. Wir standen auf der Wiese, weil die polnischen Soldaten uns zurückhielten. Während wir die Nacht auf dem nackten Gras verbrachten, gingen die Verhandlungen zwischen jüdischen Gemeinden und der polnischen Regierung vor sich, damit wir aufgenommen würden oder frei kamen. Früh, ganz früh sind dann Lastwagen gekommen und haben uns nach Kattowitz gebracht. Wir haben in einem Eisenbahnbüro übernachtet und uns dann Fahrkarten gekauft an verschiedene Ziele, viele hatten ja Verwandte in polnischen Städten. So kamen sie raus.
Ich erinnere mich an einen Zusammenstoß mit einem SS-Mann. Wir mussten unsere Koffer selbst tragen, dabei hatte ein älterer Mann seinen verloren. Der SS-Mann schlug auf mich ein und schrie, dass ich ihn aufheben und mittragen sollte. Eine kleine Sache, jeder hat so etwas mitgemacht. Aber dabei sind wir schon seelisch abgehärtet worden, oder ... Als wir abgeschoben wurden, haben die Leute aus den Fenstern geguckt, gelacht und gelächelt. Ich denke, der Grund war, dass sie dachten: Jetzt haben wir mit den Juden nichts mehr zu tun, sie sind raus, für uns wird es jetzt besser werden. Sie hörten ja, was Hitler sagte: Wenn Europa judenfrei ist … Sie haben vielleicht nicht gewusst, wohin wir gingen, aber sie waren sehr glücklich zu sehen, dass wir verschwanden. (Original)