Steuern an die Stadt nach Deportation und Enteignung? – Amalia Schinagel stellt die Frage nach Gerechtigkeit

By admin, 2 November, 2018
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September 10, 1998

Stadt Leipzig Stadtsteueramt

Haus Josephstraße 7, in Leipzig Lindenau

Sehr geehrte Frau …,

ich danke Ihnen herzlich fuer die Freundlichkeit ihres Schreibens vom 3. Sept. 1998. Ich bin 88 Jahre alt, bald 89 Jahre […]. Mein ganzes Leben war keine Freude und bringt mir auch keine Freude mehr, als auch ihr Schreiben jetzt. Ich bin in Leipzig geboren und gross gezogen worden. Als ich im October 1938 am Abend von meinem Buerau, wo ich angestellt war, nach Hause kam, wurde[n] ich und mein Vater von der Deutschen Polizei nachts 3 Uhr geweckt, „angezogen und mitgekommen“, das waren die einzigen deutschen Worte die sie sprachen, und sie marschierten uns mit nichts in den Haenden zum Hauptbahnhof, zuerst zu der Polizeiwache und wurden wie wilde Tiere nach Polen abgeschoben unter Mordsdrohungen, wo mein Vater spaeter ermordet worden ist in den Gasoven […] verbrannt.

Unser Haus war im October, wo wir verschleppt wurden, im besten Zustand, die Wohnungen waren vermietet, die Geschaeftsraume auch und meine Eltern haben jeden Monat Geld von den eingegangenen Mieten erhalten.

Wenn die Deutschen uns das Haus in 1991 zurueck gaben, wurde uns nicht gesagt, dass die Komunisten und Nazies das Haus vollkommen zerbrochen haben und wir Erben es nicht verkaufen koennen und jetzt verlangen Sie Steuern von mir und meinen beiden Neffen??? Wo ist die Gerechtigkeit??? Bitte nehmen Sie das Haus zurück und geben Sie uns was Sie wollen. Ich bin eine alte Frau und habe so viel mitmachen müssen […] ich kann nicht mehr kaempfen. […] (Original)

Body (English)

September 10, 1998

City of Leipzig Tax Office

House Josephstraße 7, in Leipzig Lindenau

Dear Mrs. ...,

I thank you very much for the kindness of your letter of September 3, 1998. I am 88 years old, almost 89 years [...]. My whole life was no joy and it brings me no more joy, as well as your letter now. I was born and raised in Leipzig. When I came home from my office, where I was employed, in October 1938 in the evening, me and my father were woken up by the German police at 3 o'clock in the morning, "get dressed and come with us", those were the only German words they spoke, and they marched us with nothing in our hands to the main station, first to the police station and we were deported like wild animals to Poland under murder threats, where my father was later murdered in the gas ovens [...] burned.

Our house was in the best condition in October, when we were displaced, the apartments were rented, the business premises also and my parents received money every month from the rents.

When the Germans returned the house to us in 1991, we were not told that the Communists and Nazis had completely broken up the house and we heirs could not sell it and now you are charging taxes to me and my two nephews??? Where is justice??? Please take back the house and give us what you want. I am an old woman and have had to go through so much [...] I can no longer fight. [...]

Datum und Ort
Juli 2018, Leipzig