Ich selbst interessierte mich [...] für den großen Bahnhof ganz in der Nähe, wo immer irgend etwas los war. Besonders liebte ich das Zeremoniell der Abfahrt der Züge und bat immer, dort dabei sein zu dürfen. Ich hatte riesigen Respekt vor dem Schaffner mit der Pfeife und vor dem 'Onkel mit der roten Mütze', der seine Kelle hob und pfiff, wenn alle Türen geschlossen waren. Dann ließ der Lokomotivführer den Dampf in die Zylinder der Lokomotive strömen, was besonders zu Anfang ein merkwürdiges Geräusch verursachte: 'Pfu, Pfuu, Pfuuuuh ...' [...] und langsam fuhr der Zug aus der Bahnhofshalle hinaus, noch eine ganze Menge Dampf hinter sich lassend, der sich unter dem Dach sammelte und dann auflöste. Alles in allem eine wirklich aufregende Angelegenheit.
Ganz deutlich erinnere ich mich an das Bankhaus Kroch am Augustusplatz. Es war ein schmaler, hoher, ganz gerader Bau, der mit einer Art Marmor verkleidet war. Auf dem Dach standen zwei große Figuren, Männer, die mit Hämmern ganz mechanisch auf zwei Glocken schlugen und damit die Zeit anzeigten. Natürlich bat ich immer, warten zu dürfen, bis diese Glockenzeichen erklangen. Manchmal nahm mich meine Mutter zu einem Bekannten mit, der auf dem Brühl ein Pelzgeschäft betrieb. Dort gab es viele Bündel weicher Felle, die man so schön streicheln konnte [...]. Nachmittags trafen wir uns öfter mit einigen Onkeln und Tanten im damalig sehr beliebten Café 'Felsche' am Augustusplatz, woran ich mich gerne erinnere. Damals lernte ich gerade schreiben und rechnen und war immer mit Papier und Bleistift zugange. In der ersten Etage des Cafés gab es eine große Terrasse, auf der man im Sommer im Freien sitzen konnte. [...] Im Jahre 1930 kam ich in die Barthsche Schule, doch 1931 mußte mein Vater ein Detailgeschäft in Halle an der Saale übernehmen, wohin wir übersiedelten. Da ich aber noch eine Tante in der Kantstraße hatte und einen Onkel und eine Tante auf dem Windmühlweg, ganz in der Nähe des bayerischen Bahnhofs und nicht sehr weit vom Völkerschlachtdenkmal, verbrachte ich viele Ferienwochen und manchmal auch Wochenenden weiterhin in Leipzig. […] Im Januar 1933 kam dann der verhängnisvolle Regierungswechsel, die sogenannte 'Machtergreifung' durch die Nationalsozialisten. Dies machte sich ziemlich schnell auch in den Schulen bemerkbar, und ich erinnere mich in diesem Zusammenhang noch genau an meine Volksschule und an verschiedene Lehrer. Einige waren begeisterte Nazis, andere machten wohl nur äußerlich mit. […] Ich war der einzige Jude in meiner Klasse, und oftmals suchten meine Mitschüler nach dem Unterricht auf dem Heimweg Zank und Streit; manchmal mußte ich auch ohne jeden Grund Tritte und Schläge hinnehmen. Eines Tages meinte ein Lehrer: „Na, eine Heldentat ist das wohl auch nicht, wenn sich eine ganze Meute auf einen einzigen Juden stürzt!“ Wenig später, nämlich 1934, hatte ich die Grundschule beendet und wechselte in ein Realgymnasium. Ich erinnere mich, daß meine Eltern damals kaum gesellschaftliche Kontakte mit Nachbarn pflegten, sondern nur mit jüdischen Familien; und auch ich hatte nur jüdische Freunde, mit denen ich mindestens einmal in der Woche nachmittags beim Religionsunterricht zusammentraf. Diese erzwungene Absonderung der Juden führte schließlich zur Schaffung eigener Kultur- und Sportorganisationen, die sich in zwei Richtungen unterschieden ließen: die zionistische, welche die Auswanderung ins damalige Palästina propagierte, und die andere, die zumindest anfänglich glaubte, daß der ganze Nazispuk bald vorüber gehen werde, und daß man den Juden aufgrund ihrer Bürgerrechte und ihrer Verdienste um Deutschland nichts antun würde. Mein Vater war von der zuletzt genannten Richtung überzeugt, und so wurde ich Mitglied der Sportgruppe des 'Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten' und später auch Leiter einer Tischtennis-Jugendgruppe desselben Verbandes. Eine Zeitlang erhielten wir in dieser Sportgruppe auch Unterricht im Boxen, was uns ohne Zweifel gutgetan hat. Wir wurden selbstbewußter und konnten uns besser verteidigen. (Original)