Gerschon Monar erzählt von den Orten seiner Kindheit in Leipzigs Innenstadt, vom Bahnhof, von den Pelzhändlern am Brühl und vom “Nazispuk”, der andauert

By admin, 2 November, 2018
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Ich selbst interessierte mich [...] für den großen Bahnhof ganz in der Nähe, wo immer irgend etwas los war. Besonders liebte ich das Zeremoniell der Abfahrt der Züge und bat immer, dort dabei sein zu dürfen. Ich hatte riesigen Respekt vor dem Schaffner mit der Pfeife und vor dem 'Onkel mit der roten Mütze', der seine Kelle hob und pfiff, wenn alle Türen geschlossen waren. Dann ließ der Lokomotivführer den Dampf in die Zylinder der Lokomotive strömen, was besonders zu Anfang ein merkwürdiges Geräusch verursachte: 'Pfu, Pfuu, Pfuuuuh ...' [...] und langsam fuhr der Zug aus der Bahnhofshalle hinaus, noch eine ganze Menge Dampf hinter sich lassend, der sich unter dem Dach sammelte und dann auflöste. Alles in allem eine wirklich aufregende Angelegenheit.

Ganz deutlich erinnere ich mich an das Bankhaus Kroch am Augustusplatz. Es war ein schmaler, hoher, ganz gerader Bau, der mit einer Art Marmor verkleidet war. Auf dem Dach standen zwei große Figuren, Männer, die mit Hämmern ganz mechanisch auf zwei Glocken schlugen und damit die Zeit anzeigten. Natürlich bat ich immer, warten zu dürfen, bis diese Glockenzeichen erklangen. Manchmal nahm mich meine Mutter zu einem Bekannten mit, der auf dem Brühl ein Pelzgeschäft betrieb. Dort gab es viele Bündel weicher Felle, die man so schön streicheln konnte [...]. Nachmittags trafen wir uns öfter mit einigen Onkeln und Tanten im damalig sehr beliebten Café 'Felsche' am Augustusplatz, woran ich mich gerne erinnere. Damals lernte ich gerade schreiben und rechnen und war immer mit Papier und Bleistift zugange. In der ersten Etage des Cafés gab es eine große Terrasse, auf der man im Sommer im Freien sitzen konnte. [...] Im Jahre 1930 kam ich in die Barthsche Schule, doch 1931 mußte mein Vater ein Detailgeschäft in Halle an der Saale übernehmen, wohin wir übersiedelten. Da ich aber noch eine Tante in der Kantstraße hatte und einen Onkel und eine Tante auf dem Windmühlweg, ganz in der Nähe des bayerischen Bahnhofs und nicht sehr weit vom Völkerschlachtdenkmal, verbrachte ich viele Ferienwochen und manchmal auch Wochenenden weiterhin in Leipzig. […] Im Januar 1933 kam dann der verhängnisvolle Regierungswechsel, die sogenannte 'Machtergreifung' durch die Nationalsozialisten. Dies machte sich ziemlich schnell auch in den Schulen bemerkbar, und ich erinnere mich in diesem Zusammenhang noch genau an meine Volksschule und an verschiedene Lehrer. Einige waren begeisterte Nazis, andere machten wohl nur äußerlich mit. […] Ich war der einzige Jude in meiner Klasse, und oftmals suchten meine Mitschüler nach dem Unterricht auf dem Heimweg Zank und Streit; manchmal mußte ich auch ohne jeden Grund Tritte und Schläge hinnehmen. Eines Tages meinte ein Lehrer: „Na, eine Heldentat ist das wohl auch nicht, wenn sich eine ganze Meute auf einen einzigen Juden stürzt!“ Wenig später, nämlich 1934, hatte ich die Grundschule beendet und wechselte in ein Realgymnasium. Ich erinnere mich, daß meine Eltern damals kaum gesellschaftliche Kontakte mit Nachbarn pflegten, sondern nur mit jüdischen Familien; und auch ich hatte nur jüdische Freunde, mit denen ich mindestens einmal in der Woche nachmittags beim Religionsunterricht zusammentraf. Diese erzwungene Absonderung der Juden führte schließlich zur Schaffung eigener Kultur- und Sportorganisationen, die sich in zwei Richtungen unterschieden ließen: die zionistische, welche die Auswanderung ins damalige Palästina propagierte, und die andere, die zumindest anfänglich glaubte, daß der ganze Nazispuk bald vorüber gehen werde, und daß man den Juden aufgrund ihrer Bürgerrechte und ihrer Verdienste um Deutschland nichts antun würde. Mein Vater war von der zuletzt genannten Richtung überzeugt, und so wurde ich Mitglied der Sportgruppe des 'Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten' und später auch Leiter einer Tischtennis-Jugendgruppe desselben Verbandes. Eine Zeitlang erhielten wir in dieser Sportgruppe auch Unterricht im Boxen, was uns ohne Zweifel gutgetan hat. Wir wurden selbstbewußter und konnten uns besser verteidigen. (Original)

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I myself was interested [...] in the big train station nearby, where there was always something going on. I especially loved the ceremonial of the departure of the trains and always asked to be allowed to be there. I had great respect for the conductor with the whistle and for the 'uncle with the red cap' who raised his signal and whistled when all doors were closed. Then the driver of the locomotive let the steam flow into the cylinders of the locomotive, which caused a strange noise, especially at the beginning: 'Pfu, Pfuu, Pfuuuuh ...'. [...] and slowly the train went out of the station hall, leaving a lot of steam behind, which gathered under the roof and then dissolved. All in all a really exciting affair.
I clearly remember Bankhaus Kroch on Augustusplatz. It was a narrow, tall, straight building, covered with a kind of marble. On the roof stood two large figures, men, who mechanically struck two bells with hammers, indicating the time. Of course, I always asked to be allowed to wait until these bells rang. Sometimes my mother took me to an acquaintance who ran a fur shop on the Brühl. There were many bundles of soft furs that I loved to stroke [...].
In the afternoon we often met with some uncles and aunts in the Café 'Felsche' at Augustusplatz, which was very popular at that time and which I remember with pleasure. At that time I was just learning to write and calculate and was always busy with paper and pencil. On the first floor of the café there was a large terrace where you could sit outside in summer. [...] In 1930 I entered the Barthsche Schule, but in 1931 my father had to take over a retail shop in Halle an der Saale, where we moved to. Since I still had an aunt on Kantstraße and an uncle and an aunt on Windmühlweg, very close to the Bavarian railway station and not very far from the Völkerschlachtdenkmal (Monument of the Battle of the Nations), I spent many holiday weeks and sometimes also weekends in Leipzig. […]
In January 1933 there was the fateful change of government, the so-called 'Machtergreifung' by the National Socialists. This soon became noticeable in the schools, and I still remember my elementary school and various teachers in this connection. Some were enthusiastic Nazis, others probably only participated externally. [...] I was the only Jew in my class, and after lessons my classmates often spoilt for a fight on their way home; sometimes I got kicks and blows without any reason. One day, a teacher said, “Well, it's not really a heroic deed if a whole mob is attacking a single Jew!”.
A little later, in 1934, I had finished primary school and changed to a Realgymnasium. I remember that my parents at the time had little social contact with neighbours, but only with Jewish families; and I too had only Jewish friends with whom I met at least once a week in the afternoon during religious instruction. This forced separation of the Jews eventually led to the creation of their own cultural and sports organisations, which could be distinguished in two directions: the Zionist direction, which propagated emigration to what was Palestine then, and the other, which at least initially believed that the entire Nazi apparition would soon pass, and that the Jews would not be harmed because of their civil rights and their merits for Germany.
My father was convinced of the latter direction, and so I became a member of the sports group of the 'Reichsbund jüdischer Frontsoldaten' (Association of Jewish soldiers) and later also leader of a table tennis youth group of the same association. For some time we also received boxing lessons, which undoubtedly did us good. We became more self-confident and could defend ourselves better. (translated)

Sprecher
Datum und Ort
Oktober 2018, Leipzig (Radio Blau)
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