Für mich persönlich begann der Holocaust am 28. Oktober 1938. Es war der Anfang vom Ende […]. An jenem Tag machte ich mich gerade für die Schule fertig. Mein Großvater, im neuen Anzug und mit Zigarettenetui in der Hand, wollte sich gerade auf seinen obligaten Weg ins Café begeben, dort die Zeitung lesen, Musik hören und sich dabei entspannen – ein Tag Urlaub von zu Hause.
Ein Wachtmeister der Schutzpolizei kam zu uns, klingelte und teilte uns sehr höflich mit, daß wir unsere polnischen Pässe auf dem Polizeirevier prüfen lassen müßten. Es handle sich nur um eine Formalität und wir seien bald wieder zurück. Mein Großvater, mein Vater und ich sollten Wohnung und Geschäft nie wieder betreten. [...]
Vor dem Polizeirevier stiegen wir in einen Bus mit der großen Aufschrift Vergnügungsfahrt ein. Wir fuhren durch das Stadtviertel [...] und kamen dann am Hauptbahnhof an, auf dessen Dächern SS-Posten mit Maschinengewehren standen. Der ganze Komplex war hermetisch abgeriegelt und der Zug stark bewacht. Mein Vater sah wohl das Unheil kommen, ich aber wußte nicht, wie ich das alles deuten sollte. Er sagte keinen Ton. Jetzt ist mir klar, welche Gedanken ihm durch den Kopf gegangen sein müssen: Warum sind wir aus Deutschland nicht fortgegangen, als es noch möglich war? [...]
Der Zug hielt an der polnischen Grenze, wo wir in das Niemandsland [...] abgeschoben wurden.
Die polnischen Grenzposten hatten nicht die Befugnis, uns hereinzulassen, und verweigerten uns also die Einreise. Die Deutschen ließen uns nicht zurück. Also standen wir nun in dieser sehr kalten Oktobernacht im Regen und fröstelten. Diese wurde für mich zu einen bleibenden Erinnerung. Großvater war müde und konnte sich bald nicht mehr auf den Beinen halten. Er setzte sich auf den regennassen Erdboden und holte sich eine Lungenentzündung, die sehr an seinen Kräften zehrte. Nach ungefähr 24 Stunden wies die polnische Regierung die Grenzposten an, ihre Staatsbürger nach Polen einreisen zu lassen.
Wir kamen in einem Flüchtlingslager an, arm und obdachlos, über Nacht zu Bettlern geworden und auf fremde Hilfe angewiesen [...]. In diesem Durchgangslager mußte ich mit ansehen, wie sich mein Großvater nach einer Schüssel Suppe anstellte – ein Aristokrat fand sich unter dem Fußvolk wieder. Das brach mein Herz. (Original)
For me personally, the Holocaust began on 28 October 1938. It was the beginning of the end [...]. That day I was getting ready for school. My grandfather, in a new suit and with a cigarette case in his hand, was about to make his obligatory way to the café, where he would read the newspaper, listen to music and relax – a day's holiday from home.
A police constable came to us, rang the bell and very politely told us that we had to have our Polish passports checked at the police station. It was just a formality and we would be back soon. My grandfather, my father and I were never to enter the apartment or shop again. [...]
In front of the police station we got on a bus with the big inscription Vergnügungsfahrt (pleasure ride). We went through the city quarter [...] and then arrived at the main station, on the roofs of which SS posts with machine guns stood. The whole complex was hermetically sealed off and the train was heavily guarded. My father probably saw the disaster coming, but I didn't know how to interpret it all. He said nothing. Now it is clear to me which thoughts must have gone through his mind: Why didn't we leave Germany when it was still possible? [...]
The train stopped at the Polish border, where we were deported to no man's land [...].
The Polish border guards did not have the authority to let us in, so they refused us entry. The Germans did not let us go back. So on this very cold October night we stood in the rain and shivered. This became a lasting memory for me. Grandfather was tired and soon could no longer stand on his feet. He sat down on the rain-soaked ground and caught pneumonia, which was very exhausting for his strength. After about 24 hours, the Polish government ordered the border guards to let their citizens enter Poland.
We arrived at a refugee camp, poor and homeless, turned into beggars overnight and dependent on outside help [...]. In this transit camp I had to watch how my grandfather lined up for a bowl of soup – an aristocrat found himself among the infantry. That broke my heart. (translated Version)