7. Dezember 1939
Der letzte Transport nach Sachsenhausen ist weg. Wir sind noch sechs Mann in der Arbeitsanstalt. Der Polizeimeister sagt, morgen werden wir entlassen, unserer Auswanderungspapiere wegen. Nachmittags kommen Mutti und die Schwestern. Der Oberinspektor ist nicht da. Der Polizeimeister ist gnädig, er kennt mich schon beim Namen, ich darf ihm öfter die Stiefel putzen. Er ruft uns selbst zum Tor. Zum ersten Mal ist kein Posten da beim Besuch von Mutti. Sie bringen ungeheure Fresspakete. In der Auswanderungssache ist alles fertig. Sie erwarten den Entlassungsbefehl von Berlin jede Stunde. Unsere Stimmung ist sehr gut. Meine Mutter küsst mich zum Abschied wie immer. „Morgen kommt ihr bestimmt nach Hause“, sagt sie. Weder sie noch ich ahnen, dass sie nie, nie wieder ihren Sohn küssen wird. Am nächsten Vormittag kommt uns das Polizeiauto abholen. „Ihr werdet zum Präsidium gefahren und dort entlassen“, sagt uns der Polizeimeister. Durch das kleine vergitterte Fenster sehe ich Leipzigs Straßen an mir vorüberrollen – ich weiß nicht, dass ich sie für viele, viele Jahre das letzte Mal sehe. Der Wagen fährt in den Hof des Präsidiums ein, knirschend schließt sich das große eiserne Tor hinter uns – wir sind wieder Gefangene.
8. Dezember 1939 bis 24. März 1940
Polizeipräsidium Leipzig. Gewöhnlicher Gefängnisbetrieb. Keine besonderen Ereignisse. Am 23. März werden Vati und ich zu einer Befragung durch die Gestapo gerufen. Dieser eröffnet uns in dürren Worten, dass unsere Auswanderung des Krieges wegen nicht möglich sei. Wir würden wir morgen ins Konzentrationslager Sachsenhausen überführt.