"Politische Zelle" statt Freilassung - Gerda Gottschalk erlebt die Willkür der Justiz

By enterhistory, 21 June, 2026
Bearbeitungs-Status
Audiodatei
Gottschalk 4.mp3 (4.09 MB)
Body

Ein Schnellgericht hatte unseren Fall übernommen. Schon nach wenigen Tagen fand Helgas und meine Verhandlung gleichzeitig statt. Unter Bewachung liefen wir zusammen durch endlos lange Gänge zum Verhandlungsraum.

Staatsanwalt und Richter waren überaus höflich, was wohl auf das Ansehen, das mein Vater in juristischen Kreisen noch immer genoss, zurückzuführen war. Nach kurzer Verhandlung hieß es: Ordnungsstrafe wegen Nichttragens des Judensterns von drei Tagen Haft und drei Tagen Gefängnis. Danach zuckte der Richter die Achseln und sagte: „Was dann wird, entzieht sich meiner Kenntnis.“

Sechs Tage nach unserer Verhaftung traf ich Helga in der „Grünen Minna“ wieder. Es ging zurück in die Wächterstraße zum Polizeipräsidium, wo die Entlassung erfolgen sollte. Dort angekommen stempelte ein Aufseher unsere Begleitpapiere und sagte, ohne uns anzublicken: „S’is gut, gähn’se nach oben!“

Oben waren die Zellen. Selbst die Wärterin, die uns wiedererkannte, glaubte, es könne sich nur um eine Verzögerung von einigen Stunden handeln. Sie schloss uns daher zusammen in eine kleine Zelle mit nur einer Pritsche ein, auf der wir eng aneinandergedrückt schlaflos den Morgen erwarteten.

Da aber wurden wir in die „politische“ Zelle Nummer 97 gebracht. Eine Stunde später rief man Helga zum Verhör. Die Wärterin nahm ihren Mantel und flüsterte mir zu, sie käme in Einzelhaft.

Am nächsten Tag erhielt ich von der Kalfaktorin mit meinem Essnapf ein Kassiber. Helga schrieb, sie habe Kreuzverhöre im Keller hinter sich, wäre der Rassenschande beschuldigt worden, da ihr Briefwechsel mit einem Frontsoldaten entdeckt worden sei. In der politischen Zelle waren 20 Frauen untergebracht. Einige hatten etwas mit ausländischen Kriegsgefangenen gehabt; Jüdinnen wie ich keinen Stern getragen oder unter der Hand Lebensmittel gekauft. Eine Bibelforscherin wurde eines Tages in die Zelle gebracht. Sie war zwei Jahre im Zuchthaus Waldheim gewesen. Sie hoffte auf Freiheit, war aber entschlossen, die Erklärung, die man ihr mit Sicherheit bei der Entlassung vorlegen würde und die sich gegen die Bibelforscher und deren Tätigkeit wandte, nicht zu unterschreiben. In langen Tagen und Nächten erzählte jeder seinen Fall.

Licht, Luft, Nahrung waren karg bemessen. Die, die noch nicht lange saßen, mochten das Gefängnis nicht, aber die anderen sagten, dass nichts übrig blieb.

Sprecher