26. Sept. [1939]
Verhaftung und Internierung in der Städtischen Arbeitsanstalt Leipzig. Oberinspektor Mühlig (Obersturmführer der SA) [Anm. der Red.: hier Anmerkung, die auf der nächsten Seite geschrieben steht: Im Laufe der Zeit wird jeder von Gestapo vernommen, verschiedene Male], Ausstellung eines Steckbriefes, Abnahme der Fingerabdrücke. Haare geschoren, Bezeichnung als Sträfling, Unterbringung in Saal, Schlafen auf Stroh auf der Erde. Sonstige Belegschaft der Arbeitsanstalt: Geistesschwache, Asoziale, Säufer, Zuhälter, Gewohnheitsverbrecher. Belegschaft 200 Juden. Arbeit auf den Höfen der Anstalt. Holzhacken, Holzspalten, Holz auf Wagen in Körben und Säcken transportieren. Scharfe Bewachung und Schikanen. Wer nicht schnell genug arbeitete, kommt in den Strafbunker. Sonntags müssen die Juden an dem Oberinspektor vorbeimarschieren und die HaTikwa singen [Anm. der Red.: Hymne der zionistischen Bewegung, später israelische Nationalhymne]. Am 20. Oktober (Todestag eines Naziführers) werden die Juden in Kolonnen zu 20 Mann in den ein Stockwerk tiefer liegenden Saal geführt. Der Saal ist nur durch Kerzenlicht erleuchtet. In einer langen Reihe stehen 15 Betten mit je 1m Abstand. An den Seiten jedes Bettes 2 SA-Leute mit Brettern, Besenstielen und Knüppeln. Wir müssen unter den Betten durchkriechen. Die SA schlugen mit allen Kräften. Am Ende der Bettreihe muss sich jeder noch über eine Bank legen und erhält nochmals 6-8 Hiebe mit den Schwerprügeln. Nur mit Mühe schleppen wir uns in den Schlafsaal zurück. Viele brechen noch unten zusammen. In der Nacht schwellen Gesäß, Rücken und Glieder unförmig an. Die ganze Nacht hindurch stöhnen und jammern die Misshandelten. In der Nacht und am nächsten Tag die ersten Toten. In der folgenden Zeit vergeht kein Tag ohne Prügel und Folterungen, die in der sogenannten „Reitbahn“, einem Saal, der mit den Schlaginstrumenten, Betten, Bänken versehen ist, stattfinden. Bevorzugt werden reiche Juden Leipzigs, die dem Oberinspektor vom Hören bekannt sind. Besuch der Angehörigen, der Empfang von Lebensmitteln ist nicht gestattet, jedoch Wäsche und Kleidungsstücke aller Art, allerdings mit bestimmten Zweck: Als wir eines Abends von der Arbeit zurückkommen, finden wir die Strohlager durchwühlt, die Koffer aufgebrochen, bessere Wäsche- und Kleidungsstücke, Pullover, Wintermäntel, Anzüge, Schuhe sind verschwunden. Die Polizei und SA hat ganze Arbeit geleistet. Später muss der von dem Oberinspektor eingesetzte jüdische Stubenälteste einen Schein unterschreiben, dass die Juden des Leipziger „Internierungslagers“ Kleidung und Wäsche für das Winterhilfswerk freiwillig gespendet haben. Dasselbe wiederholt sich öfters mit hochwertigen Lebensmitteln, wie Butter, Eier, Käse, Marmelade, Fett, die die jüdischen Frauen am Tor der Arbeitsanstalt für ihre Männer und Söhne abgeben und das auch in seiner Gesamtheit dem Winterhilfswerk „freiwillig gespendet“ wird. Beim gemeinsamen Baden zeigen sich die Misshandlungen erst in ihrer ganzen Grausamkeit. Jeder sieht beim anderen die geschwollenen, blutunterlaufenen Körperteile.