Ich habe tausend Schikanen durch die Nazibehörden gehabt, solange ich in Leipzig war.
Im März verschwanden auf dem Steueramt plötzlich meine Papiere, die vom Geschäft wegen der Zahlungen von Reichsfluchtsteuern eingereicht worden waren. Es war nichts zu machen und erst nach ungefähr zehn Wochen kamen diese wieder zum Vorschein.
Mein Pass, der nur noch kurzfristige Gültigkeit hatte, wurde mir entzogen bis alle meine Reichsfluchtsteuern und Devisenabgaben etc. erledigt waren. Da sich diese Abgaben aber immer gegenseitig überkreuzten, war immer eine Abgabe wieder fällig und ich bekam meinen Pass dadurch nie zurück. Deswegen bestellte man mich wiederholt aufs Passamt, wo ich stundenlang wieder stehend warten musste, nur, um mich befragen zu lassen, wann die Abgabe wieder bezahlt würde. Alle diese Abgaben hatte der Treuhänder vom Geschäft in der Hand und er kümmerte sich nicht darum und war deswegen auch nicht zu sprechen. Und wenn doch, dann sagte er mir, die Firma hätte kein Geld dafür und er müsse auch andere Zahlungen leisten.
Der Umzug nach Brüssel wurde durch allerlei Umstände besonders erschwert. Die Firma Eitner berechnete zunächst viel zu geringe Meter Möbelwagen und der Umzug wurde auf die Pfingstfeiertage gelegt, so dass nicht hintereinander eingepackt werden konnte. Außerdem wurde er genau in die Zeit gelegt, wo der Hauswirt sein Haus umbaute, so auch meine Wohnung.
Beim Umzug waren zwei Nazibeamte in Uniform und ein Zollbeamter dabei. Nach den aufgestellten Listen, die von den Nazistellen zum Umzug genehmigt worden waren, wurde alles systematisch eingepackt. Zunächst packte man den Möbelwagen mit leeren alten Schränken voll, die alle zusammenlegbar waren, aber nicht wurden, und verschwendete so den Platz im Möbelwagen. Dafür stellte man die guten Möbelstücke und alle Kisten auf die Straße, wo sie von Farb- und Kalkspritzern vom Hausumbau beschmutzt wurden. Verschiedene Möbelstücke, Uhren, antike und moderne, ein ganzes Biedermeierzimmer und einige Bilder erklärte man plötzlich zu deutschem Kulturgut und zog sie aus dem Umzugsgut heraus. Nachdem die Möbelwagen mit den leeren Schränken und den Küchensachen sehr schnell gefüllt waren, erklärte man mir, dass man diesen Wagen jetzt zollamtlich versiegeln würde und für die anderen Sachen kämen späterhin noch andere Möbelwagen.
Leider hatte ich mich aber am 30. Mai bis um sechs Uhr abends im Parkhotel einzufinden, da ich am 1. Juni die deutsche Grenze überschreiten musste. Deshalb hatte ich keine Zeit mehr, auf die anderen Möbelwagen zu warten und so sah ich den Rest unserer Habe auf der Straße stehen.
Ich bin dann pünktlich im Parkhotel gewesen, wo mir ein ganz kleines Zimmerchen zur Übernachtung zugewiesen wurde. Abendbrot hatte ich bei mir, denn es war Juden nicht erlaubt, im Speisesaal zu essen.
Früh um acht Uhr ging der Zug nach Brüssel. An der Grenze in Aachen wurde ich als Jüdin mit meinem sämtlichen Gepäck aus dem Zug geholt. Alle Koffer wurden geöffnet und die Grenzbeamten wühlten mit Bajonetten darin herum. Ich selbst musste mich nackt ausziehen und zwei Frauen untersuchten mich am ganzen Körper und sahen meine Kleider durch. In der größten Eile und sehr gehindert durch den kranken Arm, musste ich mich dann wieder anziehen und das Gepäck verschließen, da der Zug gleich abging.
Bei alldem schauten viele Passagiere aus dem Fenster. Die Beamten riefen dem Zugführer noch zu, nicht abzufahren. „Hier sind noch Juden und hier ist noch Judengepäck.“, riefen sie. Ich kam gerade noch mit.
Im Coupé war gerade noch ein Platz frei – neben einem etwa dreijährigen Kinde. Ich setzte mich und das Kind wollte mich mit seinem Händchen streicheln (gesegnet sei es!), aber die verruchte Mutter nahm es auf den Schoß und hieß es, aus dem Fenster zu sehen. Ihr Kind sollte nicht neben einer Jüdin sitzen.