Im Januar 1939 war sehr strenges Winterwetter mit Eis und Schnee in Leipzig. Wie ich Ende Januar von einer Freundin kommend nach Hause ging, stürzte ich über einen gefrorenen Schneeklumpen, fiel hin und konnte nicht aufstehen, weil ich mir meinen linken Arm ausgekugelt hatte. Schließlich gelang es meiner Freundin, mich aufzurichten, jedoch blieb mein Arm in waagerechter Linie von mir und ich hatte die größten Schmerzen. Wir fanden einen Autofahrer, der mich zum nächsten Krankenhaus, dem katholischen Elisabeth-Krankenhaus, brachte. Dort wurde ich von Nonnenschwestern gut und fürsorglich aufgenommen. Es erschien auch bald ein Arzt.
Ich musste ihm meine Ausweispapiere zeigen und daraus sah er gleich, dass ich Jüdin bin. Er sagte sofort, das Krankenhaus behandle keine Juden, aber in so fortgeschrittener Nachtstunde und bei dem kalten Wetter wolle er mir erste Hilfe leisten. Er sagte, er müsse mir Narkose geben etc. Ich erwiderte, dass ich doch hinterher für eine Nacht in der Klinik bleiben wolle, wofür auch die eine Nonnenschwester plädierte, gesegnet sei sie! Der Doktor sagte jedoch, für Juden hätten sie kein Zimmer frei. Worauf die Nonne schwieg. Man bereitete nun alles zu der Operation vor und behandelte mich sehr grob, aber was sollte ich in meinem hilflosen Zustand in der Nacht tun? Man narkotisierte mich und kaum, dass ich wieder erwacht war, musste ich vom Operationstisch runter und der Doktor kam mit dem Röntgenbild und erklärte mir, dass der Arm nach unten ausgekugelt war. Man setzte mich brutal auf einen Krankenstuhlwagen, legte mir noch meinen Mantel um und fuhr mich auf den Balkon in die kalte Nachtluft.
Bald wurde ich wieder bewusstlos und ein guter Doktor kam und man legte mich hin. Nach etwa einer Stunde sagte der Operationsdoktor, ich müsse jetzt nach Hause. Er hätte ein Autotaxi bestellt und gebe mir einen Pfleger mit, der mich in meine Wohnung bringen solle. Dies geschah auch. Beim Fortgehen fragte ich den Arzt noch, was ich zu Hause mit dem Arm tun solle und ob er ihn noch einmal sehen wolle. Worauf er mir erwiderte, er hätte kein Interesse an Juden und ich solle zu einem anderen Arzt gehen.
Am nächsten Morgen versuchten wir einen Arzt zu erreichen. Jüdische Ärzte hatten kaum noch Praxiserlaubnis und die arischen Ärzte hatten alle Ausreden, um nicht kommen zu müssen. Schließlich fand ich doch noch einen praktizierenden jüdischen Arzt, Dr. Kuritzkes, der mich noch einige Male besuchte und mich dann zur Nachbehandlung an das jüdische Krankenhaus verwies. Es hatte noch eine kleine Ambulanzstelle in Kellerräumen in der Christianstraße. Dort wurde mein Arm mit Heißluftbädern behandelt. Ich habe jahrelang diesen Arm nicht richtig gebrauchen können und noch heute Nervenschmerzen darin.