"Zehn Jahre Zuchthaus wünsche ich Dir" - Gerda Gottschalk über ihre Haftzeit in der Wächterstraße

By enterhistory, 21 June, 2026
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Als die Stern-Kontrolle der Gestapo-Leute in unserer Wohnung stattfand, wurden Helga und ich aufgeschrieben. Wir hatten keine Sterne an unseren Kleidern, da wir Mischlinge nach dem Gesetz waren. Zwei Tage später erhielten wir telefonisch auf unseren Arbeitsplätzen die Aufforderung, am selben Nachmittag in das Quartier der geheimen Staatspolizei, Hindenburgstraße, zu kommen. Helga eine Stunde später als ich.

Helga und ich wussten sofort, was uns bevorstand. Wir nahmen Abschied von unseren Eltern und nächsten Freunden, die das, was uns beiden vor Augen stand, nicht wahrhaben wollten. Wir steckten eine Zahnbürste, Seife, Handtuch ein und gingen zusammen in die Hindenburgstraße.

Helga musste im Vorzimmer warten, während Inspektor Zenner ein langes Verhör mit mir vornahm, das protokolliert wurde. Zum Schluss musste ich das Protokoll unterschreiben und war gleich darauf verhaftet, zum Schutz für Volk und Staat. Inspektor Zenner fragte mich, ob ich zu Fuß oder per Straßenbahn das Polizeigefängnis in der Wächterstraße erreichen wolle, in seiner Begleitung natürlich.

Zu Fuß ging ich nochmal durch den Johannapark an den beiden Teilchen vorbei, auf denen ich immer im Winter Schlittschuh gefahren war. Als dann die Tür der dunklen Zelle schwer hinter mir ins Schloss fiel, wusste ich, dass ich nun das Schicksal all derer teilen würde, von denen die Menschen im freien Leben nur zu flüstern wagten. Das Bewusstsein, gefangen und ausgeliefert zu sein, kam ganz schnell, war weder entsetzlich noch beunruhigend.

Meine Verhaftung erschien mir als unabwendbare Folge der vergangenen acht Jahre, deren Verlauf ich in dieser ersten Nacht im Gefängnis nochmals vor mir vorübergleiten ließ.

Ich war nicht allein in der Zelle. Eine 79-jährige Jüdin weinte auf, als ich kam. Sie schmachtete hier schon neun Monate, weil sie auf dem Schwarzen Markt ein Huhn gekauft hatte und dabei erwischt worden war. Am nächsten Morgen holte mich die „Grüne Minna“, das vergitterte Polizeiauto, ab. Helga, die auch verhaftet worden war, saß schon drin, wir wurden ins Frauengefängnis gebracht und dort wieder getrennt.

In meiner neuen Zelle waren zwei junge Tschechinnen, die eine wurde kurz nach meiner Ankunft verlegt, mit der anderen teilte ich das kärgliche Abendbrot. Von meiner Brotschnitte bröckelte eine Krume ab und fiel zu Boden. Die Tschechin hob sie auf, küsste sie und sagte: „Das ist ist Brot.“ Sie saß bereits zwei Jahre.

Am nächsten Morgen begann sie, rote Fäden an Preisetikette zu knüpfen. Ich sah ihr zu. Da kam die Gefängnisaufseherin herein, sah mich untätig sitzen und fuhr mich hart an. Zuletzt rief sie: „Zehn Jahre Zuchthaus wünsche ich dir!“ Ich lernte das Fädenknüpfen.

 

Body (English)

When the Gestapo officers conducted their “star inspection” in our apartment, Helga and I were put on a list. We didn’t have stars on our clothes, since we were considered “half-breeds” under the law. Two days later, we received a phone call at our workplaces instructing us to report to the headquarters of the Secret State Police on Hindenburgstraße that same afternoon—Helga an hour later than me.

Helga and I knew immediately what lay ahead of us. We said goodbye to our parents and closest friends, who refused to believe what was in store for both of us. We packed a toothbrush, soap, and a towel and went together to Hindenburgstraße.

Helga had to wait in the anteroom while Inspector Zenner conducted a lengthy interrogation with me, which was recorded in the official transcript. At the end, I had to sign the transcript and was arrested immediately afterward, for the protection of the people and the state. Inspector Zenner asked me whether I wanted to walk or take the streetcar to the police jail on Wächterstraße - accompanied by him, of course.

I walked through Johannapark once more, passing the two patches of ice where I had always gone ice skating in the winter. When the door to the dark cell slammed shut behind me, I knew that I would now share the fate of all those whom people in the outside world dared only to whisper about. The realization that I was trapped and at their mercy came very quickly; it was neither terrifying nor unsettling.

My arrest seemed to me an inevitable consequence of the past eight years, the events of which I let flash before my eyes once more during that first night in prison.

I wasn’t alone in the cell. A 79-year-old Jewish woman burst into tears when I arrived. She had already been languishing there for nine months because she had bought a chicken on the black market and had been caught doing so. The next morning, the “Green Minna”—the barred police van—picked me up. Helga, who had also been arrested, was already inside; we were taken to the women’s prison and separated there again.

In my new cell were two young Czech women; one was transferred shortly after my arrival, and I shared the meager evening meal with the other. A crumb fell from my slice of bread and landed on the floor. The Czech woman picked it up, kissed it, and said, “This is bread.” She had already been there for two years.

The next morning, she began tying red strings to price tags. I watched her. Then the prison guard came in, saw me sitting there doing nothing, and snapped at me harshly. Finally, she shouted, “I hope you spend ten years in prison!” I learned how to tie the strings.

Sprecher