Als die Stern-Kontrolle der Gestapo-Leute in unserer Wohnung stattfand, wurden Helga und ich aufgeschrieben. Wir hatten keine Sterne an unseren Kleidern, da wir Mischlinge nach dem Gesetz waren. Zwei Tage später erhielten wir telefonisch auf unseren Arbeitsplätzen die Aufforderung, am selben Nachmittag in das Quartier der geheimen Staatspolizei, Hindenburgstraße, zu kommen. Helga eine Stunde später als ich.
Helga und ich wussten sofort, was uns bevorstand. Wir nahmen Abschied von unseren Eltern und nächsten Freunden, die das, was uns beiden vor Augen stand, nicht wahrhaben wollten. Wir steckten eine Zahnbürste, Seife, Handtuch ein und gingen zusammen in die Hindenburgstraße.
Helga musste im Vorzimmer warten, während Inspektor Zenner ein langes Verhör mit mir vornahm, das protokolliert wurde. Zum Schluss musste ich das Protokoll unterschreiben und war gleich darauf verhaftet, zum Schutz für Volk und Staat. Inspektor Zenner fragte mich, ob ich zu Fuß oder per Straßenbahn das Polizeigefängnis in der Wächterstraße erreichen wolle, in seiner Begleitung natürlich.
Zu Fuß ging ich nochmal durch den Johannapark an den beiden Teilchen vorbei, auf denen ich immer im Winter Schlittschuh gefahren war. Als dann die Tür der dunklen Zelle schwer hinter mir ins Schloss fiel, wusste ich, dass ich nun das Schicksal all derer teilen würde, von denen die Menschen im freien Leben nur zu flüstern wagten. Das Bewusstsein, gefangen und ausgeliefert zu sein, kam ganz schnell, war weder entsetzlich noch beunruhigend.
Meine Verhaftung erschien mir als unabwendbare Folge der vergangenen acht Jahre, deren Verlauf ich in dieser ersten Nacht im Gefängnis nochmals vor mir vorübergleiten ließ.
Ich war nicht allein in der Zelle. Eine 79-jährige Jüdin weinte auf, als ich kam. Sie schmachtete hier schon neun Monate, weil sie auf dem Schwarzen Markt ein Huhn gekauft hatte und dabei erwischt worden war. Am nächsten Morgen holte mich die „Grüne Minna“, das vergitterte Polizeiauto, ab. Helga, die auch verhaftet worden war, saß schon drin, wir wurden ins Frauengefängnis gebracht und dort wieder getrennt.
In meiner neuen Zelle waren zwei junge Tschechinnen, die eine wurde kurz nach meiner Ankunft verlegt, mit der anderen teilte ich das kärgliche Abendbrot. Von meiner Brotschnitte bröckelte eine Krume ab und fiel zu Boden. Die Tschechin hob sie auf, küsste sie und sagte: „Das ist ist Brot.“ Sie saß bereits zwei Jahre.
Am nächsten Morgen begann sie, rote Fäden an Preisetikette zu knüpfen. Ich sah ihr zu. Da kam die Gefängnisaufseherin herein, sah mich untätig sitzen und fuhr mich hart an. Zuletzt rief sie: „Zehn Jahre Zuchthaus wünsche ich dir!“ Ich lernte das Fädenknüpfen.