Bald mussten wir umziehen in ein jüdisches Haus in die Humboldtstraße 21. Im zweiten Kriegsjahr wurden die SS-Leute mutiger. Bei einer erneuten Haussuchung ließen sie alles Bargeld meiner Mutter mitgehen und schlugen ihren Schreibtisch kurz und klein.
Meinen Vater holten sie wieder ab, trieben ihn mit vielen anderen an das Ufer der Parthe, einem schmalen Flüsschen an der Pfaffendorfer Straße am Zoologischen Garten. Mit Stöcken wurden die Juden gezwungen, über die Parthe zu springen. Die Treiber ergötzten sich, wenn bei dem Hin und Her einer ins Wasser fiel. [ Anm. der Red.: Das beschriebene Geschehen ereignete sich während der Novemberpogrome 1938.]
Ein ehemaliger Klient führte meinen Vater in einem günstig unbeaufsichtigten Moment fort und versteckte ihn den Tag über in seiner Wohnung. Die Kennkarten, die wir erhielten, waren mit einem „J“ gestempelt und mit dem zusätzlichen Namen Israel oder Sarah versehen. Im September 1941 kam der Erlass, dass die Juden den gelben Stern aus Stoff mit der Aufschrift „Jude“ auf die Kleider aufgeheftet zu tragen hätten.
Einige Wochen nach dieser Anordnung erschienen in den jüdischen Häusern Gestapo-Männer, um zu kontrollieren, ob dem Folge geleistet war.
Meine Schwester hatte nach der Beendigung der Schule Schneidern gelernt. Ich war bei katholischen Geistlichen als Sekretärin tätig und lebte durch diese Arbeit im Kreise hochgesinnter, edler Menschen. Ihr Haus wurde mir Heimat und zweites Vaterhaus. Dankbar empfanden wir, dass unsere sogenannten arischen Freunde in diesen Jahren nicht von uns abrückten, sondern mit Rat und Tat und wahrer Freundesliebe uns beistanden.
Ich litt darunter, dass ich keinen meinen Fähigkeiten entsprechenden Beruf ergreifen konnte. Ich wollte gern Schauspielerin werden. Bei einem ehemaligen Regisseur und Dramaturgen am Alten Theater in Leipzig, Herrn Paul Prina, nahm ich heimlich Unterricht. In seinem schmalen, dunklen Arbeitszimmer an der Lößniger Straße, in dem ich ihn in den Abendstunden nach meiner täglichen Arbeit aufsuchte, war ich Julia, Hero und Jean d'Arc. Manchen Abend saß ich zitternd auf dem dritten Rang des Alten Theaters und verfolgte das Spiel auf der Bühne. Ich brannte darauf, selbst dort zu stehen.
Die Eignungsprüfung hatte ich bestanden. Intendant Sierck hatte sie mir zuerkannt als einzigen Mädchen unter vielen Bewerberinnen. Die schriftliche Anerkennung, von Philipp Mößner mit „Heil Hitler!“ unterschrieben, besitze ich noch, aber genützt hat sie mir nichts. Denn Emmy Sonnemann, an die ich mich gewandt hatte, um in die Reichskulturkammer aufgenommen zu werden, hatte abgelehnt. Alles, was sich an Musik, Poesie, Lebensgefühl mit dem Klang meiner Stimme, der Kraft meiner Gebärde gestalten wollte, musste ich in mich hineinschlucken.