30. Januar 1933 - Abruptes Ende für Gerda Gottschalks glückliche Kindheit

By enterhistory, 21 June, 2026
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Der Lärm der Trommeln des 30. Januar 1933 drang in das Haus, in dem meine Eltern mit ihren fünf Kindern frei und glücklich ein sorgenloses Leben führten. Er beendete den Abschnitt meiner Kindheit.

Als Kopf einer sozialistischen Studentengruppe wurde mein ältester Bruder noch im Frühjahr verhaftet. Morgens um 5 Uhr drangen zwei Männer der geheimen Staatspolizei bei uns ein, durchsuchten die ganze Wohnung und führten meinen Bruder ab. Eine Woche später konnte ich ihn im Polizeipräsidium in Leipzig wenige Minuten sprechen.

Er war ruhig und gefasst, ein Jüngling von 23 Jahren. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Er wurde zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Zwickau absaß, anschließend nach Sachsenhausen geschleppt, ein halbes Jahr später nach Dachau.

Der Inhalt seiner Briefe war stets der gleiche, sie enthielten 25 Worte. Es geht mir gut, ich arbeite, eure Briefe vom … habe ich erhalten. Im Oktober 1937, als er schon viereinhalb Jahre lang gefangen war, erhielten meine Eltern aus München ein Telegramm mit der Nachricht seines Todes und die Aufforderung, seine Urne abholen zu lassen.

Meine Schwester Erika, ein Jahr später als mein Bruder mit einer Gruppe Jugendlicher – sie selbst war knapp 20 Jahre alt – in unserem Schrebergarten von den Gartennachbarn bei einer Versammlung denunziert und verhaftet, musste für drei Jahre in das Zuchthaus Waldheim. Nur weil mein Vater nachweisen konnte, dass sein Kind innerhalb von 24 Stunden Deutschland verlassen würde – sie wurde in Göteborg bei einem ehemaligen Klienten von ihm aufgenommen – entließ man sie von dort.

Vom Leipziger Hauptbahnhof, wohin wir sie am Abend ihres Entlassungstages begleiteten, bis zur dänischen Grenze wurde sie von Männern der Gestapo beschattet. Meine älteste Schwester Gabi war 1936 auf legale Weise über Holland nach den USA ausgewandert, wohin ihr Verlobter ihr zwei Jahre später folgte. In Deutschland hätte der Arier die Halbarierin nicht heiraten dürfen.

Als meine Mutter den Inhalt der Nürnberger Gesetze kennenlernte, brach sie in Tränen aus und sagte, nun verliere ich alle meine Kinder.

Auch die materiellen Beschränkungen wirkten sich aus. Längst waren wir aus der schönen Sechszimmerwohnung in Gohlis am Schillerhain ausgezogen. Der Schrebergarten wurde nach Erikas Verhaftung annektiert.

Unsere treue Frieda, die acht Jahre lang unseren Haushalt besorgte, mussten meine Eltern aus Sparsamkeitsgründen entlassen. Mein Vater hatte gleich nach der Machtübernahme der Nazis sein Notariat verloren und wurde mit zwei anderen jüdischen Rechtsanwälten zum Konsulenten degradiert, während die übrigen jüdischen Anwälte ihre Tätigkeit überhaupt nicht mehr ausüben durften. Mein Vater musste auch seine Angestellten kündigen.

Seine Einnahmen waren gleich Null, denn die Vertretung jüdischer Klienten war nur eine Formsache. Prozesse konnten kaum noch riskiert werden. Meine Eltern trugen alle Schicksalsschläge mit Geduld, da sie zunächst hofften, das auf tausend Jahre geplante Reich würde in Kürze wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Mein Vater war 66 Jahre alt. Sein Leben hatte er sich für das deutsche Recht engagiert. Er nahm das Treiben der braunen Horden fast verwundert wahr und konnte nicht glauben, dass er, der niemals etwas zuleide tat und niemals tun wollte und auch niemandem Böses nur wünschte, in Deutschland zu Schaden kommen könnte.

Er wurde ein Jahr nach der Kristallnacht im Oktober 1939 plötzlich verhaftet. Sechs Wochen später ließ man ihn frei, ohne eine Vernehmung vorgenommen zu haben. Mager bis zum Skelett, aber frohen Mutes stand er eines Tages vor unserer Wohnungstür.

Von da ab war er immer hungrig. Die Rationen der Lebensmittelkarte reichten für meinen Vater, der ein großer, stattlicher Mann war, nicht aus, doch er aß fröhlich, obwohl er sein Leben lang an gut gedeckten Tischen gesessen hatte, morgens Mehlsuppe und trockene Brötchen.

Body (English)

The sound of the drums on January 30, 1933, echoed through the house where my parents and their five children were living freely and happily, without a care in the world. It brought that chapter of my childhood to an end.

As the leader of a socialist student group, my oldest brother was arrested that same spring. At 5 a.m., two men from the secret state police broke into our home, searched the entire apartment, and took my brother away. A week later, I was able to speak with him for a few minutes at the police headquarters in Leipzig.

He was calm and composed, a young man of 23. It was the last time I saw him. He was sentenced to two and a half years in prison, which he served in Zwickau; he was then dragged off to Sachsenhausen, and half a year later to Dachau.

The content of his letters was always the same; they contained 25 words: “I’m fine, I’m working, I received your letters from …” In October 1937, when he had already been imprisoned for four and a half years, my parents received a telegram from Munich with the news of his death and a request to have his urn picked up.

My sister Erika—who was just shy of 20 years old at the time—was denounced by our garden neighbors during a gathering in our allotment garden one year after my brother had been denounced in the same way while with a group of young people, and she was arrested and sentenced to three years in Waldheim Prison. She was released from there only because my father was able to prove that his daughter would leave Germany within 24 hours—she was taken in by a former client of his in Gothenburg.

From Leipzig Central Station, where we accompanied her on the evening of her release, all the way to the Danish border, she was shadowed by Gestapo agents. My oldest sister, Gabi, had emigrated legally to the United States via the Netherlands in 1936, where her fiancé followed her two years later. In Germany, the “Aryan” would not have been allowed to marry the “half-Aryan.”

When my mother learned of the contents of the Nuremberg Laws, she burst into tears and said, “Now I’m going to lose all my children.”

The financial constraints also took their toll. We had long since moved out of the beautiful six-room apartment in Gohlis on Schillerhain. The allotment garden was confiscated after Erika’s arrest.

My parents had to let go of our faithful Frieda, who had run our household for eight years, for financial reasons. My father had lost his notary practice immediately after the Nazis came to power and, along with two other Jewish lawyers, was demoted to the rank of consultant, while the remaining Jewish lawyers were no longer allowed to practice at all. My father also had to lay off his employees.

His income was virtually zero, since representing Jewish clients was merely a formality. It was virtually impossible to risk taking cases to court anymore. My parents bore all these blows of fate with patience, as they initially hoped that the Reich—planned to last a thousand years—would soon collapse like a house of cards.

My father was 66 years old. He had dedicated his life to German law. He watched the rampages of the brown hordes with almost bewilderment and could not believe that he—who had never harmed anyone, never intended to, and never wished ill upon anyone—could come to harm in Germany.

He was suddenly arrested in October 1939, one year after Kristallnacht. Six weeks later, he was released without having been interrogated. Thin to the point of being skeletal, but in good spirits, he stood one day at the door of our apartment.

From then on, he was always hungry. The rations from the food ration card were not enough for my father, who was a tall, stately man, yet he cheerfully ate flour soup and dry rolls for breakfast, even though he had sat at well-set tables his entire life.

Sprecher
Datum und Ort
30.1.1933