Nun wird es doch Zeit, um deinen Brief zu beantworten. Ich will probieren, so gut wie möglich eine chronologische Folge zu behalten. In der Kristallnacht war ich bei euch, wie du dich erinnerst.
Ich glaube, dass Stefan bei den Großeltern Weihsmann war. Du hast mich nach Hause gebracht und mir die abgebrannte Synagoge und Bamberger & Herz, ich glaube, so hieß das Warenhaus an der Ecke, von der Straßenbahn gezeigt. Opa Bernhard war bei uns am Packen und am Abend darauf sind wir nach Holland gefahren. Mein Vater war schon dort und hatte angefangen, zu arbeiten. Wir haben dort die erste Zeit in einem Hotel gelebt, denn das Haus war noch nicht fertig.
Nach drei bis vier Tagen sind Stefan und ich in die Schule gegangen. Dort hat man uns besonders gut aufgenommen und extra Unterricht in der Sprache gegeben. Alles ohne Bezahlung.
Auch die Kinder in der Klasse waren sehr hilfsbereit zu uns, aber ich nehme an, dass Mutti Dir den Anfang in Holland ausführlich geschrieben hat. Die Deutschen sind am 10. Mai 1940 hereinmarschiert und bis August war nicht viel verändert.
Leiden war an der sogenannten Küstenlinie und im August musste diese freigemacht werden von allen, die nicht Holländer waren. Das war über eine Linie von 20 Kilometer Breite. So sind wir in ein Hotel, das nicht sehr weit entfernt war, in Alfen [Alphen] am Rhein eingezogen.
Von dort sind wir Kinder täglich per Bus in die Schule in Leiden gefahren. Mein Vater hatte regelmäßig Kontakt mit der Fabrik. Die Direktoren kamen zu ihm und so haben wir dort ungefähr ein Jahr gelebt.
Ich weiß nicht genau, wie lange. Dann sah jeder ein, dass der Krieg doch nicht so schnell aufhört und Vater fand Arbeit in einer Druckerei in Utrecht und wir sind umgezogen. Im Winter 1941/1942 hat Vater eine Umschulung gemacht als Optiker, denn es stellte sich heraus, dass sein neuer Boss ein guter Nazi war und die Arbeit eine Frage von Monaten.
Anfang Februar kamen deutsche Soldaten sich unsere Wohnung ansehen und am 9. Februar 1942 bekamen wir einen Brief, dass wir uns am 11. Februar auf dem Bahnhof zu melden haben, um nach Westerbork zu fahren. Die Eltern wussten, was das ist, denn sie hatten dort schon Dr. Wachtel besucht, der dort interniert war.
Das Lager war bis 1. Juli 1942 unter holländischer Leitung. Dann hat die SS es übernommen und am 15. begann die Transporte nach dem Osten.
Vater hatte sich schon auf irgendeine Weise als Fotograf beschäftigt und als die Transporte anfingen, hatten die so organisierten Deutschen ihn nötig, um jeden, der hereinkam, zu fotografieren. Mutti arbeitete bei der Registration [Registrierung] von allen herein- und herausgehenden Transporten. Ich selber arbeitete im sogenannten Waisenhaus.
Dort waren Kinder, die versteckt waren bei Arien und auf irgendeine Weise doch gefunden wurden. Wie du wohl hieraus verstehen kannst, sind die Filme, die jetzt gedreht werden, über Westerbork von meinem Vater. Da beide Eltern an wichtigen Plätzen arbeiteten, konnten wir uns bis Anfang September 1944 in Westerbork halten.
Dann wurde das Lager sehr verkleinert, da die Transporte nach dem Osten aufhörten. Wir sind alle zusammen nach Theresienstadt transportiert worden. Was Stefan und Micha in Westerbork machten, weiß ich einfach nicht mehr.
Ich nehme an, dass Stefan irgendwie zur Schule ging und Micha in den Kindergarten, aber sicher bin ich nicht. Das Allererste, das Mutti und ich taten, als wir in Theresienstadt ankamen, war Oma Regina besuchen. Ihre Adresse hatten wir von verschiedenen Rot-Kreuz-Briefen, die wir in Westerbork bekamen.
Sie war schon damals nicht so viel besser als am Ende des Krieges. So war das Treffen besonders für Mutti sehr schwer. In Theresienstadt war das Leben viel schwerer als in Westerbork.
Erstens waren wir nicht als Familie zusammen, da wir nun nicht mehr bevorzugt waren. Außerdem waren die Lebensmittel viel weniger. Die drei Kinder waren das schon gar nicht gewöhnt.
Nach fünf Wochen fingen auch dort täglich Transporte nach dem Osten an. So wurde Vater am 29. Oktober verschickt.
Meine Eltern wussten ganz genau, was das bedeutet. Als ich Abschied von meinem Vater an der Eisenbahn nahm, gab er mir einen Abschiedsbrief für Mutti.