„Runter in den Judenkeller!“ – Erna Fein über den 9.11.1938 und die Repressionen der Folgezeit

By enterhistory, 27 January, 2026
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Am 9. November 1938 wurden mein Mann und ich früh gegen 6 Uhr geweckt. Es kamen zwei Männer, die sich als Nazibeamte auswiesen und sagten, sie wären beauftragt, uns zu einem Verhör abzuholen. Sie zeigten ihre Revolver und ließen uns nur kurz Zeit, um uns anzuziehen, etwas sagen konnten wir nicht. Mein Mann zeigte ihnen ein Schreiben von der Dresdner Bank wegen eines großen Kompensationsgeschäftes, weswegen er um 10 Uhr zu einer Sitzung auf der Dresdner Bank sein sollte, aber das Schreiben bewirkte nichts. 

In der nebligen Dunkelheit des Morgens mussten wir etwa drei Schritt vor den Männern zu der Schule nach der Hallischen Straße gehen. Wenn wir schneller gehen würden oder einen anderen Weg, als den vorgeschriebenen, würden sie schießen, sagten sie uns. Mein Mann und ich gingen also, wie vorgeschrieben, nach dieser Schule. Dort empfingen uns im Schulhof mehrere bewaffnete Nazis und stießen uns mit den Worten „Marsch, runter in den Judenkeller“ eine Kellertreppe hinunter. Dort war ein großer Raum in dem bereits viele jüdische Menschen aus unserer Nachbarschaft waren. Am Rande war eine Bretterbank für vielleicht 6 bis 8 Leute. Alle anderen mussten stehen. Es waren auch alte Leute und Kinder, junge Mädchen und Jungen darunter.

Der Raum wurde abgeschlossen und zwei Nazis mit Gewehren hielten Wache. Gesprochen werden durfte nicht. Plötzlich hörten wir aus dem Raum nebenan entsetzliches Schreien und Wimmern und etwas wie Peitschenhiebe und Schläge, es wurden da Leute gezüchtigt und gepeinigt. Es war unerträglich, das mit anzuhören.

Nachdem wir ca. 4 bis 5 Stunden in dem Kellerraum eingeschlossen waren, kam plötzlich ein Nazi und erklärte, das „Verhör“ würde jetzt beginnen. Als erstes wurde mein Name genannt. Man riss mich von der Seite meines Mannes und führte mich durch mehrere Kellergänge in einen großen Raum, wo ein großer langer Tisch stand, an dem Nazis saßen. Ich musste vortreten und zwei Nazis mit Gewehr, sie hatten mich hergebracht, blieben direkt hinter mir stehen. Der Vorsitzende fragte mich allerlei belanglose Fragen – nach meinem Namen, wo ich geboren sei, wie mein Mann und meine Kinder heißen etc. etc. Er sagte auch, mein Sohn Willi, der damals schwer lungenkrank in der Schweiz lag, hätte sich an kommunistischen Umtrieben beteiligt. Ich sagte, dass das wohl wegen seiner seit Jahren schweren Krankheit nicht möglich sei, worauf er erwiderte, man würde das untersuchen. Dann schickte man mich nach Hause mit der Bemerkung, wenn Nazis in meine Wohnung kämen, solle ich mich „loyal“ verhalten. Ich wollte dann noch vor der Schule auf meinen Mann warten, aber die Nazis ließen mich nicht dort stehen. – Und dann wartete ich tagelang auf die Rückkehr meines Mannes und wusste nicht, wo er war.

Mit meinem Mann ist dann Folgendes geschehen: Er ist verhört, gepeinigt und geschlagen worden und am Abend ins Leipziger Gefängnis gekommen und von dort nach Buchenwald. In Buchenwald hat man ihn als erstes mit einem großen Stock über den Kopf geschlagen und er verlor seinen Hut bei der Winterkälte und zerbrach seine Brille, welche er wegen seiner Kurzsichtigkeit immer tragen musste. – Was alles in Buchenwald passiert ist und wie die Gefangenen behandelt wurden, ist ja bekannt.

Am 12. Dezember kam dann mein Mann als gebrochener und todkranker Mann nach Hause. Während seiner Krankheit nach Buchenwald haben sich einige christliche Ärzte, wie auch einige jüdische Ärzte, geweigert, ihn zu behandeln. Wahrscheinlich hat ein Verbot bestanden, Leute nach Buchenwald hier zu behandeln.

Wir konnten uns ein Peru-Visum besorgen und dann sollte er das Kompensationsgeschäft wegen der Nazis noch abschließen. Ein hoher Nazibeamter brachte ihn wieder in die Wohnung zurück und weidete sich ironisch, wie mein kranker Mann sich wieder in seiner Wohnung fühlte.Dieser hohe Nazibeamte hatte sich gleich unter Vorgabe, meinen Mann aus dem Konzentrationskamp retten zu wollen, meines Autos, eines Mercedes Benz, bemächtigt. Er ist wochenlang damit herum gefahren und hat es später ganz behalten, denn als Jüdin durfte ich ja nicht mehr chauffieren.

Trotzdem mein Mann so schwer krank war, Lungenentzündung und Entkräftung, schleppte ihn der Nazibeamte frühmorgens bei Winterkälte ins Geschäft. Dort wurde er von dem Nazibeamten und dem schon eingesetzten sogenannten „Treuhänder“ wie ein Krimineller über die Art seiner Geschäftsführung etc. und über alle Geschäftssachen verhört und man wollte von ihm den Geldschrank- und Safe-Schlüssel erpressen. Mein Mann hat diese nicht sofort ausgegeben, aber nach einigen Tagen, nachdem man mit neuer Verhaftung drohte und weil er so schwer krank war, hat er alles herausgegeben. Mein Mann hat durch diese Aufregungen eine schwere Herzkrankheit bekommen, an der er dann später gestorben ist. Am 20. Dezember 1938 ist er nach Brüssel geflohen.

Body (English)

On November 9, 1938, my husband and I were awakened at around 6 a.m. Two men arrived who identified themselves as Nazi officials and said they had been instructed to take us away for questioning. They showed us their revolvers and gave us only a short time to get dressed; we were not allowed to say anything. My husband showed them a letter from the Dresdner Bank regarding a large compensation transaction, which was why he was supposed to be at a meeting at the Dresdner Bank at 10 a.m., but the letter had no effect.

In the foggy darkness of the morning, we had to walk about three steps behind the men to the school on Hallische Straße. They told us that if we walked faster or took a different route than the one prescribed, they would shoot us. So my husband and I walked to the school as instructed. There, several armed Nazis greeted us in the schoolyard and pushed us down a basement staircase with the words, “March, down to the Jewish cellar.” There was a large room there where many Jewish people from our neighborhood were already gathered. At the edge of the room was a wooden bench for perhaps 6 to 8 people. Everyone else had to stand. There were also old people and children, young girls and boys among them.

The room was locked and two Nazis with guns stood guard. No one was allowed to speak. Suddenly, we heard terrible screams and whimpers coming from the room next door, along with what sounded like whips and blows; people were being punished and tortured there. It was unbearable to listen to.

After we had been locked in the basement room for about 4 to 5 hours, a Nazi suddenly came and announced that the “interrogation” would now begin. My name was called first. I was torn away from my husband's side and led through several basement corridors into a large room where a large long table stood with Nazis sitting around it. I had to step forward, and two Nazis with rifles, who had brought me there, stood directly behind me. The chairman asked me all sorts of irrelevant questions—about my name, where I was born, what my husband and children's names were, etc. He also said that my son Willi, who was in Switzerland at the time with a serious lung disease, had been involved in communist activities. I said that this was probably not possible because of his serious illness, which he had had for years, to which he replied that they would investigate. Then they sent me home with the remark that if Nazis came to my apartment, I should behave “loyally.” I wanted to wait for my husband in front of the school, but the Nazis wouldn't let me stand there. – And then I waited for days for my husband to return, not knowing where he was.

The following happened to my husband: he was interrogated, tortured, and beaten, and in the evening he was taken to Leipzig prison and from there to Buchenwald. In Buchenwald, the first thing they did was hit him over the head with a big stick, and he lost his hat in the winter cold and broke his glasses, which he always had to wear because of his nearsightedness. What happened in Buchenwald and how the prisoners were treated is well known.

On December 12, my husband came home a broken and terminally ill man. During his illness after Buchenwald, some Christian doctors, as well as some Jewish doctors, refused to treat him. There was probably a ban on treating people from Buchenwald here.

We were able to obtain a visa for Peru, and then he was supposed to finalize the compensation deal with the Nazis. A high-ranking Nazi official brought him back to the apartment and gloated ironically about how my sick husband felt back in his apartment. This high-ranking Nazi official had immediately seized my car, a Mercedes Benz, under the pretext of wanting to rescue my husband from the concentration camp. He drove it around for weeks and later kept it for himself, because as a Jew I was no longer allowed to drive.

Even though my husband was seriously ill with pneumonia and exhaustion, the Nazi official dragged him to the shop early in the morning in the cold of winter. There, he was interrogated like a criminal by the Nazi official and the so-called “trustee” who had already been appointed, about the way he ran his business, etc., and about all business matters, and they wanted to extort the keys to the safe and the safe deposit box from him. My husband did not hand them over immediately, but after a few days, after being threatened with re-arrest and because he was so seriously ill, he handed everything over. My husband developed a serious heart condition as a result of this stress, from which he later died. On December 20, 1938, he fled to Brussels.

Datum und Ort
9. November 1938
Einreicher
Rechtestatus