Am 9. November 1938 wurden mein Mann und ich früh gegen 6 Uhr geweckt. Es kamen zwei Männer, die sich als Nazibeamte auswiesen und sagten, sie wären beauftragt, uns zu einem Verhör abzuholen. Sie zeigten ihre Revolver und ließen uns nur kurz Zeit, um uns anzuziehen, etwas sagen konnten wir nicht. Mein Mann zeigte ihnen ein Schreiben von der Dresdner Bank wegen eines großen Kompensationsgeschäftes, weswegen er um 10 Uhr zu einer Sitzung auf der Dresdner Bank sein sollte, aber das Schreiben bewirkte nichts.
In der nebligen Dunkelheit des Morgens mussten wir etwa drei Schritt vor den Männern zu der Schule nach der Hallischen Straße gehen. Wenn wir schneller gehen würden oder einen anderen Weg, als den vorgeschriebenen, würden sie schießen, sagten sie uns. Mein Mann und ich gingen also, wie vorgeschrieben, nach dieser Schule. Dort empfingen uns im Schulhof mehrere bewaffnete Nazis und stießen uns mit den Worten „Marsch, runter in den Judenkeller“ eine Kellertreppe hinunter. Dort war ein großer Raum in dem bereits viele jüdische Menschen aus unserer Nachbarschaft waren. Am Rande war eine Bretterbank für vielleicht 6 bis 8 Leute. Alle anderen mussten stehen. Es waren auch alte Leute und Kinder, junge Mädchen und Jungen darunter.
Der Raum wurde abgeschlossen und zwei Nazis mit Gewehren hielten Wache. Gesprochen werden durfte nicht. Plötzlich hörten wir aus dem Raum nebenan entsetzliches Schreien und Wimmern und etwas wie Peitschenhiebe und Schläge, es wurden da Leute gezüchtigt und gepeinigt. Es war unerträglich, das mit anzuhören.
Nachdem wir ca. 4 bis 5 Stunden in dem Kellerraum eingeschlossen waren, kam plötzlich ein Nazi und erklärte, das „Verhör“ würde jetzt beginnen. Als erstes wurde mein Name genannt. Man riss mich von der Seite meines Mannes und führte mich durch mehrere Kellergänge in einen großen Raum, wo ein großer langer Tisch stand, an dem Nazis saßen. Ich musste vortreten und zwei Nazis mit Gewehr, sie hatten mich hergebracht, blieben direkt hinter mir stehen. Der Vorsitzende fragte mich allerlei belanglose Fragen – nach meinem Namen, wo ich geboren sei, wie mein Mann und meine Kinder heißen etc. etc. Er sagte auch, mein Sohn Willi, der damals schwer lungenkrank in der Schweiz lag, hätte sich an kommunistischen Umtrieben beteiligt. Ich sagte, dass das wohl wegen seiner seit Jahren schweren Krankheit nicht möglich sei, worauf er erwiderte, man würde das untersuchen. Dann schickte man mich nach Hause mit der Bemerkung, wenn Nazis in meine Wohnung kämen, solle ich mich „loyal“ verhalten. Ich wollte dann noch vor der Schule auf meinen Mann warten, aber die Nazis ließen mich nicht dort stehen. – Und dann wartete ich tagelang auf die Rückkehr meines Mannes und wusste nicht, wo er war.
Mit meinem Mann ist dann Folgendes geschehen: Er ist verhört, gepeinigt und geschlagen worden und am Abend ins Leipziger Gefängnis gekommen und von dort nach Buchenwald. In Buchenwald hat man ihn als erstes mit einem großen Stock über den Kopf geschlagen und er verlor seinen Hut bei der Winterkälte und zerbrach seine Brille, welche er wegen seiner Kurzsichtigkeit immer tragen musste. – Was alles in Buchenwald passiert ist und wie die Gefangenen behandelt wurden, ist ja bekannt.
Am 12. Dezember kam dann mein Mann als gebrochener und todkranker Mann nach Hause. Während seiner Krankheit nach Buchenwald haben sich einige christliche Ärzte, wie auch einige jüdische Ärzte, geweigert, ihn zu behandeln. Wahrscheinlich hat ein Verbot bestanden, Leute nach Buchenwald hier zu behandeln.
Wir konnten uns ein Peru-Visum besorgen und dann sollte er das Kompensationsgeschäft wegen der Nazis noch abschließen. Ein hoher Nazibeamter brachte ihn wieder in die Wohnung zurück und weidete sich ironisch, wie mein kranker Mann sich wieder in seiner Wohnung fühlte.Dieser hohe Nazibeamte hatte sich gleich unter Vorgabe, meinen Mann aus dem Konzentrationskamp retten zu wollen, meines Autos, eines Mercedes Benz, bemächtigt. Er ist wochenlang damit herum gefahren und hat es später ganz behalten, denn als Jüdin durfte ich ja nicht mehr chauffieren.
Trotzdem mein Mann so schwer krank war, Lungenentzündung und Entkräftung, schleppte ihn der Nazibeamte frühmorgens bei Winterkälte ins Geschäft. Dort wurde er von dem Nazibeamten und dem schon eingesetzten sogenannten „Treuhänder“ wie ein Krimineller über die Art seiner Geschäftsführung etc. und über alle Geschäftssachen verhört und man wollte von ihm den Geldschrank- und Safe-Schlüssel erpressen. Mein Mann hat diese nicht sofort ausgegeben, aber nach einigen Tagen, nachdem man mit neuer Verhaftung drohte und weil er so schwer krank war, hat er alles herausgegeben. Mein Mann hat durch diese Aufregungen eine schwere Herzkrankheit bekommen, an der er dann später gestorben ist. Am 20. Dezember 1938 ist er nach Brüssel geflohen.