Nachdem mein Mann nach Brüssel geflohen war, fing meine Verfolgung an. Der hohe Nazibeamte drohte mir, dass er sich jetzt in jeder Weise an mir rächen wollte und ich verging vor Angst, obwohl ich noch ruhig und still in meinem Apartment lebte.
In den folgenden Wochen des Dezembers und Januars wurde ich wiederholt früh um 7 Uhr zur Gestapo bestellt, wo ich 4 bis 5 Stunden warten musste und nie wusste, was mit mir wohl geschehen würde. Meist waren es jedoch nur belanglose Fragen, die ich beantworten sollte, zum Beispiel, ob und wie lange mein Mann in Brüssel bliebe, ob er dort Geschäfte mache, ob ich auch dorthin wolle. Meist wurde ich dann bald wieder entlassen. Es geschah alles nur, um mich aufzuregen und zu quälen. Nachdem mein Mann fort war, hatte ich kein Geldrecht mehr vom Geschäft. – Man setzte mich auf das schmalste Budget, bezahlte meine Miete und sonst hatte ich nur den allernötigsten Unterhalt für meine Mutter und mich. Für alles weitere musste ich zunächst Anträge an den sogenannten „Treuhänder“ des Geschäfts stellen. Dazu musste ich persönlich in dessen Geschäft gehen. Auch er ließ mich oft stundenlang warten und nie wurde mir dort ein Stuhl angeboten und ich musste stehen.
Es war bekannt, dass ich schönen und wertvollen Schmuck besaß. In später Abendstunde erschienen oft Nazibeamte mit Ausweis und ich musste ihnen meinen Schmuck zeigen und vorlegen. Im Laufe des Januar kamen dann die Verordnungen zur Abgabe von Schmuck und Silber, denen ich natürlich nachgekommen bin. Dadurch haben wir alle diese Wertobjekte verloren.
Alle diese Abgaben waren mit großen Schwierigkeiten verknüpft, mit vielen Gesetzen, Schreibereien, mit Warten, Schätzungen usw., alldem hatte ich nachzukommen.
Es war auch bekannt, dass wir ein Bild von Feuerbach besaßen, „Kopf einer Römerin“ (Anm.: „Mädchenkopf“/ „Porträt einer jungen Italienerin“). Eines Tages
kam der Kunsthändler Huhn, damals König-Johann-Straße (Anm.: bis 1947, danach Tschaikowskistraße) wohnend, mit einigen Nazibeamten und sie wollten den Feuerbach sehen. Die Nazibeamten nahmen den Feuerbach von der Wand und erklärten mir, sie müssten das Bild zu dem Spediteur Gerhard und May (Anm.: vermutlich ist die Gerhard & Hey AG gemeint) bringen zur Aufbewahrung, denn Juden wären nicht kompetent genug, ein solches Bild zu besitzen. Später versuchte ich das Bild wegen dem noch fehlenden Geld für die Reichsfluchtsteuer für RM 3600 zu verkaufen, aber niemand hat es gewagt, das Bild zu kaufen. Dieser Kunsthändler Huhn hat es dann für RM 2400 erworben und das Geld wurde meinem Sperrkonto gutgeschrieben, was ich aber bis zu meiner Ausreise aus Zwangsgründen verbrauchen musste.