Also: Ich fange mit meinen Mittelschuljahren an, diesen krisengeschüttelten Zwanziger- und Dreissigerjahren: Die drohenden Nazis, Arbeitslosigkeit, Streiks, kein Gas, keine Elektrizität, Inflation – ein Schulsack voll Geldscheine reichte von einer Stunde auf die andere nicht einmal für 100 Gramm Butter (wenn es überhaupt welche gab.) Die Linke war zerstritten. Die Sozialdemokratie und das Zentrum machten ihre Politik für sich aus Angst vor den Kommunisten und ebneten so den Weg für die Faschisten.
Nach dem Tod meines Vaters (1920) brachten meine Mutter und wir 3 Kinder uns schlecht und recht über die Runden: 3 Zimmer wurden vermietet, und meine Mutter kochte für alle, und so konnten wir mitessen. Ich machte Postgänge für alte Leute – dabei verdiente ich pro Familie einen Zehner. Später war ich Aufgabenhilfe bei strohdummen und reichen Kindern. Bei einer Familie lauschte die Mutter hinter einem Perlenvorhang, damit wir ja nicht miteinander über irgendetwas schwatzten. Damals war ich noch Pfadfinderin – wir waren fast kleine Sozialarbeiterinnen. Am Samstag nachmittag holten wir z.B. oft bei kinderreichen Familien im Arbeiterviertel von 10 Kindern 2 zu uns nach Hause. Da konnten sie baden, frische Wäsche von uns anziehen und Zvieri essen. Am Abend brachten wir sie wieder nach Hause, und wir wurden gute Freundinnen – wir waren ja gewohnt, zu teilen. Am freien Mittwoch nachmittag ging ich im gleichen Quartier in einen schäbigen, armseligen Kinderhort resp[ektive eine] Krippe zum Helfen. Das Z'Vieri bestand aus Wasserkakao und einem Stück alten Brot. Und trotzdem waren wir lustig und spielten dem Teufel das Ohr ab. Neben dem Hort war ein Arbeitsamt, wo die ausgemergelten Menschen Schlange zum Stempeln standen + ich sehe sie heute noch vor mir und ich kam mir privilegiert vor.