Meine Erinnerung an die vielen Straßendemonstrationen vor und um 1933 ist noch sehr deutlich: die braun behemdeten Stürmer, die Kommunisten mit ihrer roten Flagge und das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das für die Sozialdemokraten und die verschiedenen demokratischen Parteien marschierte. Unsere Wohnung auf dem 1. Stock der Dresdner Straße 30 lag dieser Hauptstraße zu. Vom Balkon und den großen Fenstern konnte ich nicht nur die lärmenden Kolonnen marschieren sehen, sondern auch die nicht so seltenen Zusammenstöße der verschiedenen Demonstranten beobachten sowohl die Aktionen des Überfallkommandos, das versucht, die Fraktionen auseinanderzuhalten. Mitglieder des Reichsbanners, die bei den Zusammenstößen verletzt wurden und Erste Hilfe brauchten, wurden zur Praxis meines Vaters in unsere Wohnung gebracht und von ihm als Dienst für die Bewegung behandelt. Die politische Ansicht meines Vaters war wohlbekannt, auch seine beständige Behandlung der Verletzten. Wenn man bedenkt, wie das gesetzwidrige Benehmen der Stürmer immer schlimmer wurde und die Zusammenstöße immer heftiger, ist es ein Wunder, dass er niemals persönlich angegriffen wurde, zumal er seine Hausbesuche bei Tag und Nacht stets allein absolvierte. Ich sehe ihn immer noch sein Fahrrad mit dem Herrenaufstieg besteigen, und seine Tasche von der Lenkstange hängen. Das Reichsbanner war ihm sehr dankbar. Obwohl mein Vater bescheiden und anspruchslos war, erinnere ich wie es ihn erfreute, als eine Delegation ihm für seine Dienste eine Büste von Friedrich Ebert, dem ersten Präsidenten der Weimarer Republik, überreichte.
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Sprecher
Datum und Ort
Juni 2018, Leipzig
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